Wie gehen die Kirchen mit Kindern um?
Die zahlreichen Fälle von Missbrauch geben zu denken. Mit jedem einzelnen zerplatzt der Traum einer unbeschwerten Kindheit. Zufall oder Systemmangel?
In zahlreichen kirchlichen Einrichtungen wurden Hunderte von Kindern und Jugendlichen um ihre unbeschwerte, ungestörte Entwicklung gebracht. Katholische Ordensschulen und Internate treten dabei unrühmlich in den Vordergrund. Auch wenn das offensichtlich mit der großen Zahl der katholischen Orden und ihrer Schulen zu tun hat, fragt sich doch, ob die Vielzahl der Übergriffe auch religiöse Gründe hat. Wurden die Übergriffe der Erwachsenen etwa durch eine bestimmte Sicht auf Bibel und Theologie erleichtert? Oder haben die Übergriffe eher mit den sozialen Rahmenbedingungen des Schulwesens zu tun?
Maßstab aller Ethik ist für die Kirchen das Neue Testament der Bibel. Aus ihm lässt sich keine positive Bejahung von Gewalt, geschweige denn von sexueller Gewalt ablesen. Die Grundlinie der unterschiedlichen Bücher und Briefe heißt hier: Gottes Liebe und Gnade erfasst alle, die sich auf ihn einlassen, Große wie Kleine. Die Kinder, die in den Erzählungen und Berichten auftauchen, sind allerdings Kinder ohne Kindheit. Kinder in der Zeit Jesu hatten einen grundsätzlich anderen sozialen Stellenwert, als ihnen durch Reformation und Aufklärung, durch moderne Pädagogik und heutiges Familienrecht zugemessen wird. In der Bibel herrschen strenge Verhältnisse: Gott liebt seine Kinder, insofern sie und ihre Eltern treu zu ihm halten. Alles folgt dem einen Ziel: Kinder haben sich in das große Ganze einzufügen. Da geht es ihnen nicht anders als den Erwachsenen – auch sie sind radikal dem Willen Gottes unterworfen.
Im Papstbrief an die irischen Bischöfe ist die Rede von den Ursachen des Missbrauchs; dazu zählt der Papst auch die „Tendenz, . . . Autoritäten zu favorisieren“. Es mag sein, dass manche Christen, die die Bibel wörtlich verstehen, aus ihr vor allem autoritätsstützende Formulierungen herauslesen. Ein ganzes, schlüssiges Familienkonzept lässt sich allerdings aus Jesu Worten und Handeln nicht entwickeln. Man muss aber nicht lange suchen, um belegt zu finden: Auch Kindern widerfährt unmittelbar Heil. Heilungs- und Auferweckungsgeschichten machen das deutlich. Zum Beispiel diese: Der Prophet Elija erweckt den Sohn einer Witwe wieder zum Leben (1. Buch Könige 17,17–24). Kinder sind, wie es manchmal den Anschein hat, also nicht nur Statisten in den so viel wichtigeren Erwachsenen- und Heilsgeschichten. Programmatisch ist auch der Satz aus einem Psalm: „Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob“ (Psalm 8,3).
Einen großen Stellenwert in der kirchlichen Verkündigung nimmt Jesu Lob der Kinder ein: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich eingehen.“ Mit diesem Lob verknüpft er eine Kritik am Autoritäts- und Größenwahn der Erwachsenen. Die hatten Jesus gefragt: Wer wird im Jenseits der Größte sein? Es könnte eine Schlüsselgeschichte bei der Aufarbeitung der gegenwärtigen Missbrauchsfälle sein.
Die Kirchen Europas waren Vorkämpfer für Bildung und Erziehung. In den Lateinschulen und Universitäten des Mittelalters zogen sie nicht nur den Nachwuchs für ihre eigenen kirchlichen Ämter und Aufgaben heran, sondern versorgten auch Staat und Gesellschaft mit Akademikern unterschiedlichster Prägung. Schon weit vor der Gründung staatlicher Universitäten nahmen die Kirchen eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung wahr. Diese Hochschulen folgten dem Prinzip des offenen akademischen Diskurses, nicht der einseitigen Indoktrination. Mit den Klosterschulen des Mittelalters und erst recht mit dem neuzeitlichen Paradigmenwechsel, der Kinder zu souveränen, Respekt verdienenden Individuen machte, haben die Kirchen unser ganzes Bild von Kindheit und Jugend positiv geprägt.
Bedeutsam für die Analyse der gegenwärtigen Krise sind vor allem die Fragen nach Autorität und Freiheit. Autorität mag als Zwang oder als charismatische Einflussnahme ausgeübt und empfunden werden. Für den Zwang in der Pädagogik gibt es keine theologische Begründung, für pädagogisches Charisma sehr wohl. Die Kirchen und ihre Schulen stehen vor einer neuen Freiheitsdebatte.
Eduard Kopp
Was ist Erlösung?
Frei zu sein, innerlich wie äußerlich, das ist eine der großen Hoffnungen der Menschen. Man kann es allein versuchen. Aber das wird manchmal schwierig
Endlich frei sein! Davon träumten die Israeliten, die jahrhundertelang in Knechtschaft in Ägypten gelebt hatten, bis sie dann, vermutlich im 13. Jahrhundert vor Christus, endlich loszogen, um eine neue Heimat zu finden. Dieser Exodus, dieser Auszug, ist für Juden die zentrale Erfahrung in ihrer religiösen Tradition. Und sie spielt auch im Christentum, zum Beispiel in der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung, bis heute eine große Rolle.
Knechtschaft und Sklaverei: Aus diesen Lebenserfahrungen kommt die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Erlösung. Ein Sklave wird von seinem „Löser“ gegen Geld freigekauft. Davon zu unterscheiden ist ein Freikauf, eine „Lösung“ nach dem jüdischen Sakralrecht: Da Gott die Israeliten aus Ägypten dadurch befreit hatte, dass er unter anderem die erstgeborenen Söhne der Ägypter getötet hatte, schulden die Israeliten ihm ein Lösegeld für ihre eigenen Erstgeborenen. Deren Leben gehört nach der Vorstellung der Juden Gott, sie kaufen mit einem Lösegeld ihre Söhne von Gott frei (2. Buch Mose, 13,15).
Für viele Christen hingegen steht der Kreuzestod Jesu als die Erlösungstat im Vordergrund. Weit verbreitet, theologisch aber sehr umstritten ist die theologische Auffassung, dass Gott den Tod seines Sohnes als Sühneopfer für die Sünden der Menschen gefordert hat. Der Tod Jesu sollte Gott demnach Genugtuung verschaffen, die Menschen mit ihm wieder versöhnen. Theologisch fragwürdig ist diese logische Verknüpfung, weil es doch gerade Jesus selbst war, der immer wieder die Liebe und Versöhnungsbereitschaft Gottes und nicht etwa seine Forderung nach Sühne betont hat. Vor allem der Schweizer Theologe Karl Barth hat den Gedanken der Versöhnung betont: die Versöhnung des Menschen mit sich selbst, mit den Mitmenschen und vor allem mit Gott.
Aber immer wieder geht es beim Stichwort Erlösung um die Freiheit. Lähmende Fesseln und innere Blockaden, die Menschen zu schaffen machten, fallen von ihnen ab. Durch eigene Kraft oder durch die Hilfe anderer öffnen sich Fesseln: zum Beispiel bei der Befreiung vom Faschismus oder von der Apartheid. Auch die von den amerikanischen Freikirchen angestoßene Aufhebung der Sklaverei gehört dazu – eine Befreiung nicht nur der Sklaven aus ihrer Lage, sondern auch der Kirchen und der ganzen Gesellschaft von einer Last historischen Ausmaßes.
Und wo kommt da Gott ins Spiel? Nach den Verheißungen der Bibel gilt: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren (der Menschen) Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird sein“ (Offenbarung 21,4). Michael Welker, Heidelberger Theologieprofessor, beschreibt Erlösung als „unverbrüchliche, unbehinderte Gemeinschaft mit Gott“. Es geht nicht um einen allmächtigen Gott, der mit rascher, geübter Hand seine hilflosen Geschöpfe mal eben aus dem Schlamassel zieht. Er begibt sich vielmehr ganz und gar in ihre Lebenslage hinein und ist bei ihnen.
„So wahr es ist, dass Gott selbst in die Hände der Räuber gefallen ist in allen Gestalten der Armut, die sich auf der Welt herumtreiben, so wahr ist – ich behaupte es, und ich verlange es! – dass Gott alle Wunden heilen und die Toten erwecken wird. Ich setze darauf, und ich kümmere mich nicht darum, dass ich die Wette verlieren kann.“ Das ist von Fulbert Steffensky, dem evangelischen Theologen, kühn formuliert. Er weiß aber auch: Nur zu hoffen ist zu wenig. Man muss auch etwas tun.
Vielleicht hat diese Hoffnung auf Befreiung eine gewisse Ähnlichkeit mit der Liebe zweier Menschen. Die Nähe des anderen verändert alles. Sie wundern sich: Der andere scheint mehr in mir zu sehen als ich selbst. Bin ich tatsächlich so liebenswert, so wertvoll, wie seine Blicke, Worte, Berührungen ausdrücken? „Deine Arme halten mehr, als ich bin“, schrieb einmal der österreichische Dichter Ernst Jandl in einem Liebesgedicht. Es ist, religiös gesprochen, eine Nähe, die Veränderungen möglich macht. Diese Veränderungen sind Realität und Hoffnung zugleich, und auf jeden Fall mehr als das, was man selbst „machen“, inszenieren kann.
Eduard Kopp
Ist der christliche Gott „lieb“?
Und der jüdische Gott etwa weniger? Da wäre zum Beispiel die Sache mit der Beschneidung. Und all die Drohungen mit Rache und harten Strafen
„Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns geheiligt durch deine Gebote und uns die Beschneidung befohlen", sagt der Mohel. Vor ihm liegt ein festlich gekleidetes Baby mit offener Windel. Mit einer Art Kamm zieht der rituelle Beschneider die Vorhaut des Achttägigen hoch, ein kleines Schild schützt seine Eichel. Zipp – ein scharfes Messer trennt den winzigen Hautfetzen ab. Das Baby schreit aus Leibeskräften.
Nein, grausam ist die Beschneidung nicht. In den USA lassen viele Eltern ihre Jungen aus hygienischen Gründen beschneiden, etwa um Eichelentzündungen vorzubeugen. Das jüdische Beschneidungsgebot geht dagegen auf die Bibel zurück (1. Mose 21,1–4). Wer das Gebot hält, bekennt seine Zugehörigkeit zum Volk Israel. Die ist entscheidend und damit wichtiger für einen Juden als sein Gottesglaube. Juden sehen sich als Volk an, als eine Art Schicksalsgemeinschaft – auch wenn sie im ethnischen Sinn eine Vielvölkergemeinschaft aus Orientalen, Europäern, Nordafrikanern, Äthiopiern und anderen bilden.
Christen sehen sich als Glaubensgemeinschaft, als Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Formale Riten wie Beschneidung halten sie für nicht notwendig. Was sie zelebrieren, trägt die christliche Botschaft quasi in sich: Die Taufe als Reinigungs- und das Abendmahl als Gemeinschaftsritus vergegenwärtigen die Botschaft von Gottes Güte. Diese Botschaft ist für Christen so zentral, dass manche nur noch vom „lieben Gott" sprechen. Andere trösten sich mit kitschigen Jesusbildchen und mögen sich einen grausamen Gott gar nicht mehr vorstellen.
Christen wie Juden wissen, dass Menschen, die harte Schicksalsschläge erleiden, Gott als grausam erleben. Dennoch glauben Christen, Gott zeige in Jesus Christus sein wahres, freundliches Wesen. Für viele Juden ist so eine Lehre zu spekulativ: Warum sollte man Gott für gütig halten, wenn er einem gerade übel mitspielt?
Das von Christen oft geäußerte Vorurteil, sie selbst predigten Nächsten- und Feindesliebe, während im Judentum Rache verlangt werde, geht auf eine Fehldeutung von Matthäus 5,38 zurück: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, dass ihr euch dem Bösen nicht widersetzen sollt. Sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem halte auch die andere hin." In diesem Vers der Bergpredigt grenzt sich Jesus von den Bibeldeutungen seiner Zeitgenossen ab. Jesus grenzte sich nicht vom heutigen Judentum ab. Das gab es damals noch gar nicht – so wenig wie das heutige Christentum.
Das talmudische Judentum und das Christentum gingen vor 2000 Jahren aus derselben Religion hervor, der spätantiken israelitischen Glaubensüberlieferung. Historisch betrachtet sind sie Schwesterreligionen. Beide berufen sich auf die Schriften des Alten Testaments, die sie jedoch von Anfang an unterschiedlich auslegten.
Die überwiegende Mehrheit der Juden und Christen zieht die aufgeklärte der fundamentalistischen Bibeldeutung vor. Gewiss, laut Thora (den fünf Büchern Mose) droht Gott mit Strafgerichten und wüsten Bestrafungen. Die Erzählung, wie Gott den Pharao samt Streitmacht im Roten Meer versinken lässt, ist rabiat. Ebenso rabiat ist die Drohung im Neuen Testament, jemand, der seinen Bruder „Du Wahnsinniger" nenne, müsse ins höllische Feuer (Matthäus 5,22). In solchen Drohungen und Gewaltszenarien spiegeln sich die Vorstellungen früherer Generationen von gerechter Strafe und Denkzettelpädagogik wider, nicht aber die Auffassung heutiger Gläubiger.
Beide Religionen haben sich weiter- und dabei stark auseinanderentwickelt. Selbstverständlich unterscheiden sich daher etliche ihrer Wertvorstellungen. Christen wollen besonders friedfertig sein, Juden halten sich eher für pragmatisch. Christen meinen, dass religiöse Menschen nach Vergebung und Nächstenliebe streben müssen. Juden haben die bittere Erfahrung gemacht, dass Christen diesem Anspruch allzuoft zuwiderhandelten.
In der Bergpredigt sagt Jesus: „Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehst!" (Matthäus 7,5) Jesus empfiehlt Demut statt Überheblichkeit. Diesen Vers darf man gern als Empfehlung für den jüdisch-christlichen Dialog verstehen. Wer neugierig und ohne Arroganz auf den anderen zugeht, wird nicht nur Erstaunliches über ihn lernen, sondern auch über sich selbst.
Burkhard Weitz
Kann die Kirche Strafen verhängen?
Wie sich ihre Mitglieder verhalten, kann ihr jedenfalls nicht gleichgültig sein. Doch es passt besser zu ihr, mit dem Wort und nicht mit Zwang zu überzeugen
Am 20. Februar 2010 will die evangelische Kirche auf ein uraltes Recht gegenüber ihren Mitgliedern verzichten. An diesem Tag versammelt sich die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Das oberste Gremium der Landeskirche soll eine neue Kirchenordnung verabschieden. Man könnte auch sagen: Sie bringt ihre Verfassung auf den neuesten Stand. Dabei werden aus dem begleitenden Gesetz, der Kirchengemeindeordnung, wohl einige Paragrafen wegfallen. Ein althergebrachtes Recht der Kirche geht verloren: ihre Mitglieder zu strafen.
Moment mal: Die Kirche bestraft ihre Mitglieder? Geht das überhaupt? Grundsätzlich ja. Die Kirche kann strafen, wenn auch nur durch Worte, ohne Zwang. Es gibt nur eine Sanktion: den Ausschluss vom Abendmahl.
Na gut, könnte man denken. Nicht mehr zum Abendmahl gehen. Damit kann ich leben. Aber sterben konnte man damit früher nicht! Wer auf Erden nicht am Abendmahl teilnehmen durfte, für den sollte auch der Himmel verschlossen bleiben. Der Ausschluss vom Abendmahl war über viele Jahrhunderte ein Ausschluss vom Seelenheil, eine furchtbare Sanktion. Die evangelischen Kirchen waren bei den Strafen von Anfang an zurückhaltender als die Katholiken. Hier kann kein Pfarrer oder Bischof allein über den Ausschluss vom Abendmahl entscheiden. Die evangelischen Kirchenordnungen sehen bis heute vor, dass diese Entscheidung in der betroffenen Gemeinde fällt. Die Entscheider sind in der Mehrzahl Nichttheologen – so soll Willkür unterbunden werden.
Die katholische Kirche kennt bis heute viele Gründe für den Ausschluss von Sakramenten und Ämtern: neben grundsätzlicher Kritik am überlieferten Glauben auch moralische Fragen und Verfehlungen gegen die Institution Kirche. Dazu gehören zum Beispiel Gewaltattacken gegen den Papst oder die Beteiligung an einem Schwangerschaftsabbruch.
Die Gründe für einen Ausschluss beziehen sich bei den Protestanten vor allem auf die christliche Gemeinschaft: Wenn einer in der Kirche verkündet, es gebe keinen Gott. Wenn sich einer betont unsozial verhält und nichts auf Nächstenliebe gibt. Wenn einer rassistische Lehren verbreitet, die niemals zum Glauben an Jesus passen. Man sieht schnell: Wer ausgeschlossen werden soll, hat sich eigentlich schon selbst von der Gemeinschaft der Kirche verabschiedet. Die Strafe, der Ausschluss vom Abendmahl, ist in der evangelischen Kirche letztlich nur sichtbares Zeichen für das, was bereits geschehen ist.
Vom Seelenheil wird man dadurch nach heutiger Vorstellung nicht mehr getrennt. Aber Folgen hat es doch. Das zeigt der Fall Wischnath, der 1998 hohe Wellen schlug. Berlins Innensenator Schönbohm hatte in einer Nacht- und Nebelaktion 74 Flüchtlinge aus ihren Heimen holen und abschieben lassen. Dieses Vorgehen stieß weithin auf Ablehnung. Pfarrer Rolf Wischnath sagte damals, man „müßte überlegen, ob man Jörg Schönbohm... noch zum Abendmahl zulassen kann". Schönbohm bezeichnet sich selbst als Christ – das kann ihm niemand absprechen. Aber sein Verhalten passe einfach nicht zum christlichen Glauben, meinte Wischnath. Erst recht nicht zum Abendmahl. Denn dazu sind alle Menschen eingeladen, arme und reiche, gesunde und kranke, Aus- und Inländer. Wer Asylsuchende unmenschlich behandelt, der hat sich von dieser Abendmahlsgemeinschaft entfernt. Der öffentliche Ausschluss: ein sichtbares Zeichen für das, was bereits geschehen ist. Schon dieses Nachdenken über eine Kirchenstrafe hatte Folgen. Es löste eine Debatte über die Asyl- und Ausländerpolitik aus. Obwohl letztlich keine Sanktion verhängt wurde.
Angewandt wurde die Kirchenstrafe in Wirklichkeit schon lange nicht mehr. In der EKHN seit 60 Jahren kein einziges Mal. Deswegen kann die Kirche auf sie verzichten. In der rheinischen Kirche ist man den Schritt schon 1996 gegangen. Vermisst hat die Paragrafen dort seither keiner.
Jeder Verein kann Mitglieder ausschließen, wenn sie gegen seine Grundsätze verstoßen. Verzichtet die Kirche auf dieses Recht, wird deutlich: Sie ist kein Verein. Kirche lebt von der Liebe Gottes. Und die gilt uneingeschränkt allen.
Ingo Schütz
Gibt es Zufälle in der Bibel?
Im Buch der Bücher hat alles seine feste Ordnung, seine Dramaturgie, seinen Sinn und Zweck. So scheint es. Doch es passieren auch Dinge, die zunächst nicht zusammenpassen
Es ist alles so wunderbar vorausgesagt. Da geschieht etwas Besonderes, und umgehend heißt es: Das stand doch schon seit Menschengedenken fest. Einem jungen Paar wird eröffnet, dass ein Kind unterwegs ist – und schon heißt es: Das hat bereits vor 700 Jahren der Prophet Jesaja angekündigt (Matthäus, Kapitel 1). Da reitet Jesus auf einem Esel nach Jerusalem hinein (wo ihn Verurteilung und Hinrichtung erwarten), und prompt klingt es: Schon vor 500 Jahren hat der Prophet Sacharja gewusst, dass der zukünftige König auf
einem Esel eintreffen wird (Kapitel 21). Das Neue Testament wartet mit Dutzenden solcher Beispiele auf: Alles schon bekannt.
Tatsächlich bekannt – oder sind zwei Ereignisse nur kunstvoll miteinander verknüpft? Was sich in der Bibel, vor allem im Neuen Testament, ereignet, wird rückblickend oft als Erfüllung alter Verheißungen dargestellt. Die Bibel ist literarisch eben kein Überraschungsroman, sondern sie folgt einigen großen Linien. In ihr kommt die Geschichte als Heilsgeschichte zur Sprache, als eine mehr oder weniger fortlaufende Ereigniskette mit einem erwartungsvollen Beginn und einem großen Ende. Die Beschreibung von Zufällen hätte ihre eigene literarische Absicht, ihre Dramaturgie durchkreuzt – warum sollte sie solche schildern? Wenn alles von Gott vorherbestimmt oder gelenkt wird – welchen Nutzen brächte da die Beschreibung unerwarteter Zwischenfälle?
Wenig Platz also für Details, die so gar nicht in die großen Handlungen passen wollen. Doch das bedeutet nicht, dass die Bibel überraschungsarm ist.
Zwei Beispiele sollen hier genügen: Als Jesus in seiner Geburtsstadt Nazareth wie üblich in die Synagoge ging, wurde ihm zum Vorlesen das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Er schlug es auf und fing zu lesen an: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen...“ Der „zufällige“ Textfund entpuppt sich jedoch sofort als kunstvoll arrangiert. Denn alsbald lässt der Evangelist Matthäus Jesus über sich selbst predigen: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“
Ist es nur ein Zufall, dass im Palast der jüdischen Religionsbehörde, die dem Untersuchungshäftling Jesus gerade den Prozess macht, eine Magd des Hohepriesters den Petrus enttarnt: „Du warst doch auch bei Jesus von Nazareth“, was der mit gestellter Entrüstung leugnet. Dummer Zufall oder literarische Spitze? Auch dieser Text hat seine klare Pointe: Feigheit kennt keine Grenzen, die Sache Jesu ist und bleibt durch die Schwäche der Menschen bedroht. Nein, ganz beliebige, zwecklose, „zufällige“ Geschehnisse am Rande gibt es nicht. Es ist wie in anderen literarischen Texten: Was zu lesen ist, hat seinen logischen Platz im Ganzen.
Und doch passiert im Neuen Testament auch so etwas: Ein zufällig daherkommender Mann, Simon von Cyrene, muss Jesus helfen, das Kreuz zu tragen. Ein einfacher Feldarbeiter, eben auf dem Weg nach Hause. Warum gerade er? Es bleibt ein Rätsel. So lebensnah ist die Bibel, dass sie die Bedeutung solcher kleiner Zufälle nicht in Abrede stellt. Dass schlicht alles festgelegt sei, ist nicht ihre Botschaft. Schon deshalb nicht, weil sie dadurch die Freiheit des Menschen, die Offenheit des Lebens einfach aus der Realität herausrechnen würde. Schaut man sich die einschlägigen Texte genauer an, zeigt sich, dass viele der beschriebenen Menschen mit offenen, irritierenden Situationen souverän umgehen. Aber am Ende bleibt die Grundbotschaft der Bibel klar erkennbar: Gott begleitet die Menschen durch alle Irrungen und Wirrungen, aber er bestimmt nicht jeden ihrer Schritte.
Kein Mensch ist Gott gleichgültig. Im christlichen Raum spricht man auch von der Vorsehung nicht im Sinne einer ein für alle Mal gültigen
Vorherbestimmung, sondern göttlicher Fürsorge für die Menschen. Juden und Christen, von denen man doch die Devise erwarten könnte: „Alles folgt einem höheren Plan“, haben mit Zufällen wenig Probleme. Die Pluralität des Lebens, die Chancen der Freiheit gehören zum jüdisch-christlichen Glauben und Weltbild einfach dazu. Eine allbestimmende Schicksalsmacht will Gott gar nicht sein. Und letztlich hat selbst seine Zuwendung zu den Menschen etwas „Zufälliges“, insofern nämlich Ursache und Maß der Gnade nie berechenbar sind. Nach welchen Regeln ihnen die versprochene Liebe zuteil wird: ein großes Geheimnis.
Eduard Kopp
