Geht es nicht auch ohne Gnade?
Ein junges Paar will heiraten und besucht den Pfarrer. Der fragt nach der Begrüßung: „Haben Sie sich schon einen Trauspruch ausgesucht?" - „Ja, eigentlich schon...", sagt die Frau „aber..." Der Mann unterbricht sie: „Eigentlich geht der nicht!" - „Doch", widerspricht die Frau, „der muss gehen!"
Sie hatten sich einen Vers aus dem 54. Kapitel des Buches Jesaja ausgesucht: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, spricht der Herr, dein Erbarmer."
„Wo liegt das Problem?", fragt der Pastor. Der Mann sagt, das mit der „Gnade" müsse ja nicht sein. „Da muss ich immer an einen König denken, vor dessen Thron ein Strauchdieb gezerrt wird, und der König lässt 'Gnade vor Recht‘ ergehen und schlägt dem Dieb nur eine Hand ab statt beider."
Das Wort Gnade hat keine Konjunktur in dieser Zeit. Es klingt schwächlich. Heute wollen die Menschen souverän sein, allenfalls selbst einmal Gnade gewähren, aber nicht auf die Gnade anderer angewiesen sein. Aber: „Gnade" ist ein, wenn nicht sogar das Hauptwort der christlichen Tradition. Ein Unwort für moderne Menschen?
Besonders in der Theologie des Apostels Paulus spielt „Gnade" (griechisch: charis) die überragende Rolle: Einhundert Mal kommt es in den Briefen dieses Apostels vor, nur halb so oft im ganzen übrigen Neuen Testament.
Immer wieder schärft Paulus ein: Dass wir leben können und dürfen, ist ein reines Geschenk der Gnade Gottes. In polemischer Abgrenzung gegen das zeitgenössische Judentum mit seinem Opferkult behauptete der rastlose Apostel: Gnade ist ein Geschenk.
Wir können Gott nicht gnädig stimmen
Wir können nichts, rein gar nichts selbst dazu beitragen. Wir können Gott nicht gnädig stimmen, zum Beispiel durch Opfer, sondern wir empfangen alles aus der Güte Gottes. Sehr prägnant hat Paulus das im Ersten Korintherbrief (4, 7) formuliert: „Was hast du (Mensch), das du nicht empfangen hättest? Und hast du es empfangen, was rühmst du dich wie einer, der nicht empfangen hat?"
Immer wieder gab es in der Kirchengeschichte seither Auseinandersetzungen darüber, was es mit dem Empfang der göttlichen Gnade auf sich habe. Ob man nicht doch etwas tun müsse, damit die Gnade wirken könne?
Ob man nicht den übergroßen, allmächtigen Gott doch durch gute Werke gnädig stimmen müsse, quasi als Zünglein an der Waage, um Gnade für sein Leben zu erlangen? Den jungen Mönch Martin Luther quälte die Frage sehr: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" Die Kirche seiner Zeit bot Ablassbriefe an und „verkaufte" so ewiges Seelenheil.
Daran konnte und wollte Luther nicht glauben. Nach langen inneren Kämpfen kam der junge Mönch zu der erlösenden Erkenntnis: Er muss sich den gnädigen Gott nicht verdienen, im Gegenteil: Gott ist gerade dem Sünder gnädig, dem Menschen, der unvollkommen ist.
Leben aus Gnade
In der Moderne verliert Luthers Antwort an Strahlkraft, denn die Frage nach dem „gnädigen Gott" wich zwei anderen Fragen. Erstens: Gibt es Gott? Wer diese Frage, aus welchen Gründen auch immer, für sich verneint, steht sogleich vor der zweiten Frage: „Was ist der Sinn meines Lebens?"
Die meisten modernen Menschen haben den Ehrgeiz, den Sinn ihres Lebens selbst zu „machen" und zu bestimmen. Selbstbestimmung gilt durchweg als und positiver Begriff. Ein Leben aus Gnade scheint diesem Lebensgefühl entgegenzustehen. Das ist der Grund, weshalb der Bräutigam auch das Bibelwort der Gnade als Trauspruch ablehnte. Hat er Recht?
Viele religiöse Begriffe scheinen heute überholt zu sein. Aber in Wirklichkeit kommt es darauf an, ihren tiefen, eigentlichen Gehalt neu zu erschließen. Gelingt dies, dann hat religiöse Sprache auch den Menschen etwas zu sagen, die von sich meinen, Religion sei für sie ohne Bedeutung.
Das Wort Gnade steht so für eine Grunderfahrung menschlichen Lebens: Das, wovon wir eigentlich leben, können wir weder kaufen, herstellen noch verdienen - nicht die Liebe noch die Freundschaft, nicht die Anerkennung noch Vergebung anderer Menschen.
Die elementare Erfahrung, dass uns das Wesentliche im Leben geschenkt wird, ist der Kern der christlichen Rede von der Gnade.
Erfahrungen der Abhängigkeit und Fremdbestimmung macht jeder Mensch, egal aus welcher Tradition er kommt. Natürlich kann er sie auch als reinen Zufall oder als Schicksal beschreiben. Christen glauben, dass sie aus Gnade leben. Mögen da Berge weichen oder Hügel fallen.
Reinhard Mawick

Kommentare: 5
Es ist vom Anfang bis zum Ende nichts als Gnade.
Ja, das will natürlich - ausser den bekennenden Christen >> keiner hören. Wir wollen ja alles im Griff behalten.
Am Ende werden ALLE sehen, wer was im Griff hat.
Ich preise den heiligen Namen unseres Herrn.
Nun zur Beantwortung deiner Frage vom April:
Weil die Katholiken einen Papst haben und die Protestanten richten sich nach der Heiligen Schrift; sollten Sie zumindest.
Noch Fragen?
Es ist tatsächlich reine Gnade daß wir gerettet wurden.
Wie sah euer Leben früher aus? Ihr wart Gott ungehorsam und wolltet von ihm nichts wissen. In seinen Augen wart ihr tot. Ihr habt gelebt, wie es in dieser Welt üblich ist, und wart dem Satan verfallen, der seine Macht ausübt zwischen Himmel und Erde. Sein böser Geist beherrscht auch heute noch das Leben aller Menschen, die Gott nicht gehorchen. Zu ihnen haben wir früher auch gehört, damals, als wir eigensüchtig unser Leben selbst bestimmen wollten. Wir haben den Leidenschaften und Verlockungen der Sünde nachgegeben, und wie alle anderen Menschen waren wir dem Zorn Gottes ausgeliefert.
Aber Gottes Barmherzigkeit ist groß. Wegen unserer Sünden waren wir in Gottes Augen tot. Doch er hat uns so sehr geliebt, dass er uns mit Christus neues Leben schenkte. Denkt immer daran: Alles verdankt ihr allein der Gnade Gottes.
Durch den Glauben an Christus sind wir mit ihm auferstanden und haben einen Platz in Gottes neuer Welt. So will Gott in seiner Liebe zu uns, die in Jesus Christus sichtbar wurde, für alle Zeiten die Größe seiner Gnade zeigen.
Denn nur durch seine unverdiente Güte seid ihr vom Tod errettet worden. Ihr habt sie erfahren, weil ihr an Jesus Christus glaubt. Dies alles ist ein Geschenk Gottes und nicht euer eigenes Werk. Durch eigene Leistungen kann man bei Gott nichts erreichen. Deshalb kann sich niemand etwas auf seine guten Taten einbilden.
Wer mit guten Taten, Gold und Silber zu Gott kommt, der kommt mit leeren Händen.
Wer etwas anderes behauptet, hat nie in die Bibel geschaut, der kann nicht lesen, oder, er verschweigt was er gelesen hat.
Aber auch wir "anderen" werden niemals in Gottes neue Welt kommen, wenn wir Seinen Willen nicht besser erfüllen als die Gestzeslehrer und Pharisäer.
Te Deum laudamus.