Haben wir Schutzengel?

Ein beliebtes Postkartenmotiv aus der Kaiserzeit zeigt zwei pausbäckige Kinder, die selbstvergessen auf einer Blumenwiese spielen. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass beide am Rande eines Abgrunds stehen. Doch ein leuchtend weißer Schutzengel mit riesigen Flügeln flankiert die Kinder und hält schützend seine Hände über sie.

In den zwanziger Jahren wurde dieses Bild aus den Kinderstuben verbannt. Denn den Menschen des von Weltkriegen, Inflation und Diktatur geplagten 20. Jahrhunderts erschien der Engelsglaube naiv.

Erst in den achtziger Jahren kamen die Engel in ihren unterschiedlichsten Funktionen wieder in Mode, zunächst als Lichtwesen der Esoterik, seit den Neunzigern auch als Barockputten.

Inzwischen kursiert sogar wieder die Postkarte aus der Kaiserzeit. Schutzengel haben Hochkonjunktur. Nach einer Umfrage des Allensbacher Meinungsforschungsinstitutes glaubt jeder zweite Deutsche an ihre Existenz.

Wer einen Schutzengel um sich wähnt, fühlt sich behütet. Er glaubt, einen unsichtbaren Begleiter zu haben, der bei Gefahr einspringt, der Wärme verströmt und den harten, eintönigen Alltag erleichtert. Wenn sich der Mensch dann doch mal hilflos und einsam fühlt, dann glaubt er eben, der Schutzengel habe ihn kurzzeitig verlassen.

Kurzum: Der Schutzengel ist eine volkstümliche Metapher für das Gefühl des Behütetseins. Mehr nicht?

Der Psychoanalytiker und katholische Theologe Eugen Drewermann hat einmal gesagt: „Jeder Mensch trägt in sich ein bestimmtes Bild, einen bestimmten Ton, ein bestimmtes Wort, das er zum Gemälde, zur Symphonie, zum Gedicht ausgestalten muss. Nur dafür lebt er. Ein Mensch, der begreift, wozu er da ist, wäre nach mythologischer Sprachweise begleitet und geführt von seinem Engel."

Inneres Gegenüber

Im Engel begegnet uns demnach ein inneres Gegenüber, das uns anspornt, unseren Weg im Leben zu gehen, und der Sinngeber, der uns hilft, die Scherben zerbrochener Illusionen neu zu einem sinnvollen Gebilde zusammenzufügen und Niederlagen einen Sinn abzugewinnen.

Auch die biblischen Engel kann man als inneres Gegenüber deuten. Sie treten in den Geschichten stets als Gottesboten auf, als Botschafter des ganz Anderen. Die Engel der Bibel bestätigen die Menschen nicht bloß in dem, was sie sind.

Sie kritisieren und provozieren auch. So fordert ein Engel den Propheten Elia auf, sein missionarisches Wirken fortzusetzen, als der sich aus Angst vor den Herrschern versteckt und am liebsten sterben möchte (1. Könige 19). Andere Engel setzen den Menschen Grenzen, wie jene aus der Schöpfungsgeschichte, die Adam und Eva mit einem Flammenschwert den Rückweg ins Paradies versperren (1. Mose 3, 24.)

Selbst wenn die Engel der Bibel gute Nachrichten überbringen, verbreiten sie Angst und Schrecken. „Fürchtet euch nicht!", beruhigt der Weihnachtsengel die Hirten auf dem Felde, bevor er ihnen die Geburt des Heilands verkündet (Lukas 2,10). Biblische Engel sind also keine Repräsentanten des schönen Scheins.

Anders als der Schutzengel aus der Kaiserzeit, der die Kinder vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt, können die Engel der Bibel längst nicht jedes Unglück abwenden. „Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich von der Zinne des Tempels herab", sagt der Teufel zu Jesus, als er ihn auf die Probe stellt (Matthäus 4, 6).

"...dass sie dich auf den Händen tragen"

Ihm, dem Gottessohn, werde schon nichts passieren. Zum Beweis zitiert der Teufel einen biblischen Psalm: „Der Herr hat seinen Engeln über dir befohlen, dass sie dich auf den Händen tragen." Jesus antwortet ihm mit einer anderen Bibelstelle: „Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht versuchen" (5. Mose 6, 16). Der Glaube an Schutzengel sollte also niemanden zu Leichtsinn und Hochmut verleiten.

Zugleich predigt Jesus ein geradezu kindliches Vertrauen in die Schutzengel. „Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet", lehrt er über die Kinder. „Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel" (Matthäus 18, 10).

Das heißt: Jeder Mensch hat einen Engel, und die Engel der Kinder stehen Gott besonders nahe. Kaum einer hat solche Worte besser verstanden als der Theologe und Widerstandskämpfer gegen die Nazis, Dietrich Bonhoeffer. Der fühlte sich noch in der Todeszelle kurz vor seiner Ermordung „von guten Mächten wunderbar geborgen".

Haben wir alle einen Schutzengel? Ganz bestimmt. Unsere Schutzengel haben sogar manches mit ihren biblischen Vorfahren gemein. Diese überbringen Nachrichten von Gott.

Unsere Schutzengel erscheinen, wenn uns die Wirklichkeit fremd und feindlich vorkommt. Sie erinnern daran, dass wir in unserem Leben vieles weder beeinflussen noch begreifen können. Und sie vermitteln das Gefühl, trotz allem geborgen und behütet zu sein.

Burkhard Weitz

karmagetic
am 17. September 2008 um 14:09
ich bin nicht derart eifrig das kleinste stück der bible zu zitieren deshalb kann ich hier nur meine "eigene" meinung preisgeben.
Ich glaube definitiv NICHT an einen schutzengel der aktiv in dein leben eingreift oder die irgendwelche gefühle vermittelt.
„Der Herr hat seinen Engeln über dir befohlen, dass sie dich auf den Händen tragen."
Da die Bible in Zeiten geschrieben oder überarbeitet wurde in der die Symbolsprache ein wichtiger Bestandteil von Schriften war - schliesse ich nicht aus dass dieser sSatz vermutlich nichts mit physischem Kontakt oder Schutz in dem Sinne zu tun hat. Vielmehr glaube ich dass Gott seinen Engeln befohlen hat den Menschen zu helfen nicht zu zweifeln (am Opfertod Christi) ihren Glauben zu wahren und fortwährend zu mehren sodass sie nicht dem Teufel anheimfallen.
-zu Dietrich Bonhoeffer
In diesem Fall glaube ich erlag er einem Nahtod-Erlebniss
Serpentina
am 15. November 2008 um 14:35
Ich male Engelbilder. Engel sind für mich Symbole.
Sie sollen im weitesten Sinne meine Erfahrungen mit dem Göttlichen, dem Universum, oder wie immer man es auch immer nennen will, symbolisieren.
Für mich sind Engel ein Sinnbild für die Erfahrung unserer Liebe und Fürsorge zu allem was uns umgibt.
So vermitteln sie ein intensives Gefühl, in dem wir Menschen uns finden können.
Was Drewermann in seinem Geo-Interview über Engel sagt entspricht 1 zu 1 auch meiner Meinung!
Serpentina

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