Müssen Christen gewaltlos sein?
Martin Luther King muss seinen Tod vorausgeahnt haben. Am 3. April 1968, dem Vorabend seiner Ermordung, predigte der US-Bürgerrechtler in Memphis, Tennessee: „Ich sah das verheißene Land. Vielleicht erreiche ich es nicht mit euch. Doch als Volk werden wir eines Tages dahin gelangen."
24 Stunden später war King tot. Er, der Gewaltanwendung stets abgelehnt hatte, war selbst Opfer von Gewalt geworden.
„Liebt eure Feinde", sagt Jesus in der Bergpredigt, „und bittet für die, die euch verfolgen." (Matthäus 5, 44) Und: „Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar." (Matthäus 5, 39)
Sätze wie diese waren es, die den Baptistenprediger Martin Luther King zum gewaltlosen Widerstand gegen Rassismus inspiriert hatten.
Doch wer seine Feinde liebt und Angreifern die andere Wange hinhält, droht selbst ins Verderben zu stürzen. King wurde ermordet, wie zwanzig Jahre vor ihm der moderne Erfinder des zivilen Ungehorsams, Mahatma Gandhi, Kings Vorbild.
Nicht jedem imponiert solche Aufopferungsbereitschaft. Im Mittelalter behaupteten Theologen, Jesu Bergpredigt enthalte Ratschläge lediglich für Heilige.
Und der berühmte Theologe Albert Schweitzer beschwichtigte zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Jesu Bergpredigt sollte nur bis zur nahen Ankunft des Gottesreiches gelten. Dass stattdessen inzwischen fast 2000 Jahre Menschheitsgeschichte folgten, damit habe Jesus nicht gerechnet.
Wahrscheinlich hat Jesus seine Worte aber genau so gemeint, wie er sie sagte: Dass man seine Feinde lieben und Angreifern die andere Wange tatsächlich hinhalten soll.
Dahinter steht die Auffassung: Selbst wer sich mit Gewalt zur Wehr setzt und dabei anderen Schaden zufügt, lädt Schuld auf sich. Bis heute tun sich Christen schwer mit diesem radikalen Aufruf zum einseitigen Gewaltverzicht.
1983 sagte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt im Streit um die atomare Nachrüstung: „Mit der Bergpredigt kann man nicht regieren." - „Woher wissen Politiker, dass man mit der Bergpredigt nicht regieren kann, wenn sie es nicht versuchen?", konterte der Pfarrer und frühere Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz. Politiker könnten doch wenigstens versuchen, sich an die Grundsätze der Bergpredigt zu halten.
Tatsächlich kann Jesu Forderung in ein tiefes ethisches Dilemma führen. Denn manchmal lädt gerade der größere Schuld auf sich, der nicht mit Gewalt eingreift, weil er sich seine Hände nicht schmutzig machen will.
Der Pfarrer und Widerstandskämpfer gegen Hitler, Dietrich Bonhoeffer, war Anhänger von Gandhis Idee des gewaltlosen Widerstandes. Bonhoeffer wollte den Nazis zunächst mit zivilem Ungehorsam, also gewaltfrei, entgegentreten.
Als er erkannte, dass Hitlers Ermordung Millionen Menschenleben retten könnte, bejahte er den gewaltsamen Widerstand, blieb jedoch der Ansicht, dass Gewalt immer Sünde sei. Nur: Wer untätig bliebe, würde größere Schuld auf sich laden. Das Attentat scheiterte, Bonhoeffer wurde ermordet.
Ob man durch Gewalt größeren Schaden abwenden darf, debattieren Christen schon lange. Der Kirchenvater Augustin (354 bis 430) lehrte, in einem „gerechten Krieg" dürften Christen zu den Waffen greifen: wenn eine legitime Regierung ihr Land gegen einen nicht provozierten Angriff verteidige, wenn sie erlittenes Unrecht vergelte und die Zerstörung verhältnismäßig bleibe.
Doch kaum ein Krieg seither hält diesen Regeln stand. Vor allem die Verhältnismäßigkeit der Mittel steht oft in Frage. Heute setzt sich unter Theologen die Ansicht durch, dass kein Krieg „gerecht" sein könne.
Jahr um Jahr entscheiden sich in Deutschland 160000 junge Männer gegen den Wehrdienst. Dürfen Christen keinen Dienst an der Waffe leisten?
Die Meinungen darüber gehen auseinander. Lutheraner bejahen den Beruf des Soldaten. So hatte der Reformator Martin Luther (1483 bis 1546) gelehrt, nur friedfertige Menschen kämen mit den Regeln der Bergpredigt aus.
Doch in einer Welt voller Bösewichte müssten Christen die staatliche Ordnung verteidigen. Die Mennoniten, eine andere Reformationskirche, rufen zur Kriegsdienstverweigerung auf. Nur so könne ein Christ Jesus nachfolgen. Für ihre Überzeugung nehmen sie seit Jahrhunderten Verfolgung und Vertreibung auf sich.
Mit Gewalt kann man Konflikte nicht dauerhaft lösen. Christen sollten daher Alternativen aufzeigen, wo andere nur Gewalt als Ausweg sehen. Der Weltkirchenrat hat eine „Dekade zur Überwindung von Gewalt" ausgerufen. Bis 2010 werben Kirchen weltweit für Projekte, in denen Jugendliche und Erwachsene, Familien und Völker lernen, ohne Gewalt auszukommen.
Die Botschaft: Einseitiger Gewaltverzicht ist immer noch das beste Mittel, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.
Burkhard Weitz

Kommentare: 2
Oh, das wusste ich ja noch gar nicht. Der Weltkirchenrat wird also das gewaltsamme Ermorden von ungeborenen Kindern abstellen?
Sie schreiben: Doch wer seine Feinde liebt, und Angreifern die andere Wange hinhält, droht selbst in's Verderben zu stürzen.
Bruder Weitz, was ist denn das Verderben? Vielleicht ja sogar das ewige Leben, denn sonst hätte unser Heiland ja Unrecht.
Das will doch keiner ernsthaft behaupten.
Bonhoeffer hat zu seinem Aufseher gesagt: "Du tust mir leid!", darauf der Aufseher: "Warum ich, du wirst doch hingerichtet!"
Da sagte Dietrich Bonhoeffer: "Du tust mir leid, weil du hier bleiben musst."
Ich wette, der Aufseher wußte garnicht worüber der Pfarrer sprach; er wird es aber erfahren, da bin ich ganz sicher. Amen