Woran merke ich, dass ich glaube?

Manche Entdeckungen schlagen in die eigene Biografie ein wie ein Blitz. Reinhold Schneider, ein großer Literat der dreißiger bis fünfziger Jahre, notierte in einem sei- ner Tagebücher: „Ich schlug an einem Weihnachtsabend in Potsdam die Heilige Schrift auf und floh nach wenigen Kapiteln auf die kalte dunkle Straße.

Denn es war klar: Unter diesem Anspruch der Wahrheit kehrt sich das Leben um. Dieses Buch...ist kein Buch, sondern eine Lebensmacht. Und es ist unmöglich, auch nur eine Zeile zu begreifen, ohne den Entschluss, sie zu vollziehen.

Darauf beruht ja die härteste Unmöglichkeit menschlicher Verständigung, dass den Glauben nur versteht, wer glaubt..."

Tief im Bewusstsein vieler moderner Menschen sitzt ein religiöser Zweifel. Ihre Fragen gehen schnell ins Grundsätzliche: Ist überhaupt etwas dran am viel behaupteten Walten Gottes in der Welt? Wer weiß überhaupt zu sagen, wo Gott steckt und was er tut? Was kann er wissen, was vermag er? Und ist das, was uns im Innersten bewegt, überhaupt „Glauben" oder „Religion"?

Viele unserer innersten Empfindungen und unserer Verhaltensmuster sind heute wissenschaftlich erklärbar. Psychologisch gesehen spielen zum Beispiel Angst und Selbstvertrauen eine lebensprägende Rolle. Medizinisch betrachtet entfalten Hormone ihre Wirkung und beeinflussen unser Verhalten.

Undurchdringliches Traditionsgut

Beurteilen wir unser Leben mit den Augen von Volkskundlern und Anthropologen, so erkennen wir, welch umfangreiches, undurchdringliches Traditionsgut wir mit uns herumschleppen. Biologen ihrerseits sehen uns als Träger von Erbgut, Historiker wiederum erkennen mit geübtem Blick, wie wir an immer neuen Modellen kultureller und politischer Ordnung schmieden.

Auch unser Glauben ist teilweise „erklärbar" geworden. An Hirnströmen lassen sich religiöse Glücksgefühle ablesen. Fromme Menschen leben gesünder, heißt es in regelmäßig variierten Umfrageergebnissen.

Unsere innersten Empfindungen finden ihren nachweislichen Niederschlag in glühenden Gedichten, auf leuchtenden Leinwänden, in emotionalen Konzerten. Doch ist das alles schon Glauben? Woran merken wir Kinder der Moderne überhaupt, dass wir glauben?

Das Eigenartige am Glauben ist: Man kann nur über ihn sprechen, wenn man sich auf ihn eingelassen hat. „Glaube braucht Erfahrung", so betitelte der frühere Tübinger Theologieprofessor Gerhard Lohfink eines seiner Bücher.

Unter Erfahrung in diesem religiösen Sinne versteht er etwas anderes als das experimentelle Denken in Naturwissenschaft und Technik. Dort ist nur das „wirklich", nur das „real", was sich in Experimenten nachstellen und erfassen lässt.

Experimente in diesem naturwissenschaftlichen Sinn sind ganz unbrauchbar, geht es um den Nachweis von Glauben. Doch Experimente im weiteren Sinn, wörtlich verstanden „Erfahrungen", gibt es auch im Glauben.

Wer glaubt, weiß es

Woran merke ich, dass ich glaube? Auf diese Frage kann man nur paradox antworten: Wenn du glaubst, wirst du es wissen! Es gibt viele andere Situationen im Leben, wo nichts über die eigene Erfahrung geht.

Ein simples Beispiel: Woran merke ich, ob ein Essen gut schmeckt? Ich werde es wohl probieren müssen. Ein anspruchsvolleres Beispiel: Woran merke ich, ob ein Mensch, dem ich begegne, zu einer verlässlichen Liebesbeziehung in der Lage ist?

Ich werde mir natürlich seine Beteuerungen, Versprechungen und Liebesschwüre anhören, aber dann beginnt ein Abenteuer, über dessen Ausgang keine sicheren Prognosen möglich sind.

Das Lebensprojekt Glauben ist so tief greifend wie das von Liebe, Treue, Partnerschaft - wenn nicht noch umfangreicher.

Glauben stützt sich auf Lebensberichte von anderen, die durch die eigenen Erfahrungen mit Leben gefüllt werden: „die Erfahrung des inneren Friedens, des Trostes, der Hoffnung und der Freude", wie Gerhard Lohfink schreibt; hinzu kommt die Erfahrung, durch soziales Engagement zur Lebensbewältigung anderer und zum sozialen Wandel beigetragen zu haben; oder die, vorbehaltlos akzeptiert zu werden ohne Rücksicht auf die eigenen (Fehl-)Leistungen; schließlich die Erfahrung, Hilfe zu erhalten oder anderen zu gewähren, anders gesagt: dass jemand die Hand über mich hält, wenn es im Leben drunter und drüber geht.

Da ist nicht Kopfarbeit, sondern Herz gefragt. Das wussten schon die ersten Christen. Originalton Paulus: „Freut euch allezeit im Herrn!...Lasst alle Menschen eure Güte erfahren, denn der Herr ist nahe. Um nichts macht euch Sorge, sondern bringt eure Bitten jederzeit betend und flehend mit Dank vor Gott. Und der Frieden Gottes, der alles Begreifen übersteigt (!), wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren" (Philipper 4, 4-7).

Eduard Kopp

Kurt E. Sievers
am 8. August 2007 um 18:03
Woran merke ich, dass ich glaube?
Zuerst muss ich Eduard Kopp loben für seinen, im wesentlichen fundierten Beitrag.
Gleich in den ersten Absätzen des Artikels wird uns Reinhold Schneider vorgestellt, dem es wie ein Blitz traf, als er mit der Heiligen Schrift in Berührung kam.
Martin Luther hat einmal so richtig gesagt, dass uns nur der Glaube gerecht macht.
Der Mensch sieht was vor seinem Auge ist, Gott aber, sieht das Herz an; soll heißen: Wer Jesus Christus sein Leben übergeben hat und den Heiligen Geist empfangen hat, kann mit dem Herzen gut sehen UND die Schrift dann auch verstehen.
Dann merke ich schon, ob ich glaube!
Ein wichtiger Satz im Artikel bringt es auf den Punkt:
Man kann nur über den Glauben sprechen, wenn man sich auf ihn eingelassen hat.
Vor rund 450 Jahren konnte man Martin Luther nicht sagen, du hast Recht; ab sofort wollen wir nicht mehr Geldkästen aufstellen, in die hinein man Münzen werfen kann, um seine Seele aus dem Fegefeuer zu retten.
Ich jedenfalls muss Gott mehr gehorchen, als den Menschen
Jürgen Sievers
am 28. Dezember 2009 um 04:16
Woran merkt man daß man glaubt ?
Oder vielleicht: Woran merkt man daß es nicht mehr dasselbe ist, etwas ist anders geworden. Etwas in mir ist nicht mehr das was es einmal war. Sozusagen als ob man eine Herzoperation bekommen hat und man fühlt als ob etwas in mir gewechselt wurde. Man hat auf einmal ein unerklärbares Gefühl des Friedens und der Freude.
Das habe ich gemerkt wie ich in Cape Canaveral gelebt habe. Es waren zwei Häuser auf dem Grundstück. Ich wohte vorne am Ozean und hinter mir war vermietet an Tom.
Er mochte gerne angeben mit seinem Gehalt was er in der Raketenbasis verdiente. Eines Tage prahlte er wieder und ich bin auf ihn zugegangen und sagte: " Du machst viel Geld, kannst dir viel erlauben, aber (und dann nahm ich meinen Zeigefinger und drückte ihn in seine Herzgegend) irgend etwas fehlt dir".
Er war so verblüfft und fragte nur :"Woher weißt du das "?
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Weil ich weiß, bevor ich zum "Glauben" kam, war ich genau so wie er. Leer mit viel Geld.
Heute weiß ich daß der Platz im Herzen für Gott "reserviert" ist. So schuf er uns.
Es hat nichts mit Geld, Position, Religion, Stärke, Herkunft u.s.w. zu tun.
So wie der Artikel von Herrn Kopp sagt: wer glaubt, weiß es.
Ich "weiß" wer ich bin, wessen ich bin, wo ich hinkomme, wenn ich sterbe UND wer dort sein wird wenn ich dort ankomme.
DAS GLAUBE ICH .

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