Ist Mystik nur eine Mode?
Madonna, der Popstar, bekennt sich neuerdings zur jüdischen Mystik. Bewunderte sie noch vor wenigen Jahren Maria, die Mutter Jesu, wandelt sie heute auf dem Glaubensweg der Kabbala und möchte in Zukunft Esther genannt werden.
Sie rechnet sich dem Jewish Renewal zu, einer religiösen Reformbewegung in Kalifornien, die althergebrachte jüdische Traditionen für ökologische und feministische Gedanken öffnete und mit buddhistischer Meditation sowie hinduistischer Seelenwanderung zusammenbringt. Nach jüdischer Glaubensüberzeugung ruht am Sabbat die Arbeit, und auch Madonna-Esther rührt dann kein Mikrophon an.
Der Mystiktrend hat inzwischen auch Einzug in Baumärkte gehalten: Es gibt Tischtabletts nach Art buddhistischer Meditationsgärten zu kaufen. Auf ihnen lässt sich weißer Sand mit einem Minirechen um Kiesel herum in feinen Linienmustern verteilen.
In Wirklichkeit sind solche Gärten viel größer und erlauben asiatischen Mönchen und ruhebedürftigen Europäern, bewegungslos über Stunden davor zu sitzen. Im fein geharkten Sand, in dem die Natur völlig beseitigt ist, vermögen sie eine Einladung zu sehen, aus ihren Köpfen alle Inhalte zu vertreiben, und sie hoffen dann darauf, dass in diese Leere Erleuchtung falle.
Auch für Jugendliche ist der Begriff „mystisch" kein Fremdwort. Die Firma Nintendo ist mit ihrem Computerspiel „mystic quest" seit Jahren auf dem Markt, ein Spiel, in dem es jede Menge Tempel, Fabelwesen und Streitkräfte gibt, wobei auffällt, dass manches mystisch genannt wird, was eigentlich mythisch ist, also mit alten Erzählungen zu tun hat.
Mystik, aus dem Griechischen und Lateinischen zu übersetzen als „Geheimlehre", ist eine Form der Frömmigkeit, bei der Menschen vor allem durch Versenkung und Meditation zur Begegnung mit Gott gelangen wollen.
Wer sich auf diesen Weg begibt, strebt nach besonderen Erfahrungen und Erlebnissen, nicht nach intellektueller Klarheit. Häufig befinden sich die Mystiker deshalb in einer Gegenposition zu den Intellektuellen und Gesetzeslehrern ihrer Religionsgemeinschaften.
Die christliche Mystik, die im 12. und 13. Jahrhundert ihre Hochphase hatte, gewinnt gegenwärtig im Sog der kirchendistanzierten Religionsneugier wieder an Bedeutung. Zudem bringt der Asientourismus Europäer vermehrt in Kontakt mit Hindus und Buddhisten, bei denen Asketen - auch sie sind Mystiker - besondere Wertschätzung genießen.
Mystiker berichten davon, dass sie nach langer, mühevoller Meditation oder auch völlig unerwartet und ohne Vorbereitung das ersehnte religiöse Erlebnis hatten.
Sie beschreiben ihre Gottesbegegnung als intensiven Glücksmoment oder als Ekstase, als stürmische Zuneigung Gottes zu ihrer Person oder schlicht als Bewusstseinserweiterung. Eine ekstatische Gotteserfahrung machte auch Teresa von Avila, die christliche Mystikerin schlechthin.
Der Barockbildhauer Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) stellte diesen Moment in einer berühmten Marmorplastik dar, die heute in der römischen Kirche Maria della Vittoria anzuschauen ist: Teresa liegt mit leicht geschlossenen Augen, innerlich aufgewühlt da, ein Engel zielt mit einem Liebespfeil auf ihr Herz.
Manche Menschen, die auf der mystischen Suche nach Gott sind, vernachlässigen ihre sozialen Beziehungen, andere fühlen sich durch „innere Stimmen" gerade gedrängt, politisch Position zu beziehen. So forderte die Ordensfrau Katharina von Siena im 14. Jahrhundert aufgrund religiöser Erfahrungen den Papst zum Krieg gegen die Türken auf, und Martin Luther begründete seinen Aufruf, den Aufstand der Bauern mit Gewalt zu unterdrücken, mit einer Eingebung Gottes.
Anders als Buddhisten oder Hindus sehen nur wenige Christen ihr Ziel darin, sich selbst in einen Zustand ohne Gefühle zu versetzen. Es widerspräche dem Prinzip der Nächstenliebe.
Die Namensliste der Mystiker ist lang. Der Italiener Franz von Assisi, der den Tieren predigte, zählt dazu wie auch der deutsche Ordensmann Meister Eckhart, der jüdische Philosoph Martin Buber ebenso wie der libanesische Dichter Khalil Gibran, der französische Jesuit Teilhard de Chardin und auch der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, Nikolaus von Zinzendorf. Dorothee Sölle, die politische Theologin, hat mehr als drei Jahrzehnte ihres Lebens darüber nachgedacht, wie ein zugleich mystisches und politisches Christentum aussieht.
Ist Mystik eine Mode? Im Fall von Madonna und der Spielzeug-Zengärten vermutlich ja. Doch in den Religionen gibt es die Mystik schon immer als ernsthafte Strömung. Der katholische Theologe Karl Rahner ging sogar so weit zu sagen: „Die Kirche der Zukunft wird mystisch sein - oder sie wird nicht mehr sein."
Eduard Kopp

Kommentare: 4
Ein toller Artikel Eduard Kopp,etwas einfältig, aber toll. Toll deswegen, weil er z.T. aus dem Tollhaus seinen Eingang in diesen Artikel gefunden haben muss.
Es gibt also, lt Ihrem Artikel, Tischtabletts nach Art buddhistischer Meditationsgärten zu kaufen. Auf ihnen lässt sich weißer Sand mit einem Minirechen um Kiesel herum in feinen Linienmustern verteilen.
Was hat dieser Artikel mit der Frage nach der Religion für Einsteiger zu tun?
Wollen Sie, oder die entzückten Leser, mit den Minirechen bei Jesus auftauchen?
Der katholische Theologe Karl Rahner, so schreiben Sie, ging sogar soweit, zu sagen: "Die Kirche der Zukunft wird mystisch sein - oder sie wird nicht mehr sein."
Demnächst verlangt dieser "Theologe", dass wir Schlangen, Bilder Verstorbener als Fürsprecher zu Gott, den Papst, oder das goödene Kalb anbeten.
Nein danke, dann bleibe ich doch lieber bei meinem Original. Und dieses Original hat einen Namen: Jesus.
In dieser Herberge am Wege, die wir das irdische Leben nennen, verdienen die meisten Dinge und Angelegenheiten nicht annähernd, für so wichtig genommen zu werden, wie wir es uns auferlegen, oder, was noch perverser ist, uns auferlegen lassen.
Oh Martin Luther, wie haben diese Menschen deinen Willen verhunzt, von dem Willen unseres Herrn einmal ganz zu schweigen.
Aber, Herr, Du hast uns ja versichert, dass wir ALLE uns vorm Vater verantworten müssen.
dass die Mystik immer mehr Einzug in das Christentum findet ist - wie ich finde gottseidank - eine positive Entwicklung.
Im Vergleich zu den andereen grossen Weltreligionen (Juden, Muslime, Hindus und Buddhisten) hängen die Christen im Bereich Mystik vielleicht noch etwas hinterher, aber ich denke wer Christus nur auf die Aussagen der Bibel reduziert und dabei die essentiell wichtige Gotteserfahrung negiert, dem wird auf Dauer etwas fehlen.
Mystik ist ein Eintauchen in die Einheit, den Frieden und die Harmonie.
Mystik ist eine Begegnung mit dem Schöpfer.
Mystik ist das Entwerden im göttlichen Geliebten.
Das heisst aber nicht, dass Protestanten auf einen persönlichen Ego-trip gehen sollen, in dem nur die eigene Verwirklichung im Vordergrund steht.
Die Stärke des Protestantiosmus wird vielleicht die sein: das innere mystische Erleben verbunden mit der Gestaltung einer positiven Welt.
Vielleicht kann man es so formulieren: das vergangene Christentum als weitgehend mystikferne Gesetzesreligion war vor allem eine Religion der Angst und der aufgeblähten Egos.
Das mystische Christentum der Zukunft aber wird so Gott will eine Religion der Liebe, der Einheit und der postitiven Kraft sein.
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O mögen es doch alle diese Mystiger so halten. Solange die nämlich den Tieren predigen, richten sie bei menschen kein Unheil an.