Sind wir von Geburt an Sünder?
„Sind so kleine Hände, winz'ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann. Sind so kleine Füße mit so kleinen Zehn.
Darf man nie drauf treten, könn' sie sonst nicht gehn." So dichtete 1978 die Liedermacherin Bettina Wegner über die Kinder, die - unbelastet von den Einflüssen der Erwachsenenwelt - ins Leben starten. Solche Lieder haben lange Zeit unsere Vorstellung vom unschuldigen Kind geprägt.
Aber es gibt auch solche Meldungen: Ein Grundschüler sticht seine Lehrerin nieder; ein Junge, mitten in der Pubertät, läuft Amok in der Schule; Mädchen quälen eine Außenseiterin. Die Vorstellung von der reinen Kinderseele lässt allzu viele Fragen offen.
Psychologen und Pädagogen müssen sich ganz schön ins Zeug legen, um die Ursachen der Gewalt von Kindern und Jugendlichen zu erklären. Mal suchen sie die Gründe in einer zerrütteten Familie, mal im Leistungsdruck in der Schule, mal in genetisch bedingter Verhaltensauffälligkeit. Ist das unsoziale Verhalten, zumindest in manchen Fällen, von Anfang an da?
In der alten christlichen Lehre gilt der Mensch von Geburt an als Sünder. Entgegen einem verbreiteten Missverständnis bezeichnet das Wort Sünde allerdings nicht die einzelne moralische Verfehlung, sondern etwas Grundsätzliches: die Entfremdung des Menschen von Gott.
Entfremdung bedeutet hier: Der Sünder verschließt sich für das, was Gott ihm sagen will. Das heißt: Er überhört die innere Stimme, die ihn an das erinnert, was moralisch geboten wäre, zum Beispiel achtsam mit anderen Menschen umzugehen.
Sünde kann aber auch die Deformation einer ganzen Gesellschaft bezeichnen. Das heißt: Kinder werden in soziale Verhältnisse geboren, die es ihnen schwer machen, gute Menschen zu werden. Die christliche Tradition sagt deshalb: Jeder Mensch kommt im Machtbereich der Sünde zur Welt. Das Kind selbst ist daran unschuldig. Es steht gleichwohl im Bann der Sünde.
Ein biblischer Mythos erzählt, wie die Sünde entstand. Adam und Eva lebten im Paradies in Einklang mit Gott. Die Schlange, Symbol der Zerstörung, verführte die beiden dazu, von der Frucht eines Baumes zu essen, deren Genuss ihnen Gott verboten hatte.
Die Schlange stellte ihnen etwas Verlockendes in Aussicht: zu sein wie Gott und also Gutes und Böses zu erkennen. Von dieser Aussicht verführt, missachteten Adam und Eva das Verbot. Und was erkannten sie? Dass sie nackt und bloß, also schutzlos waren. Deshalb versteckten sie sich vor Gott (1. Mose 3).
Nach dieser Geschichte entsteht Sünde aus dem Wunsch, wie Gott sein zu wollen: unfehlbar, unverletzlich, unsterblich. Der Kirchenlehrer Augustin (354-430) nannte diese Sünde die „Ursprungssünde" (lateinisch: peccatum originalis).
Seine Auffassung: Dieser Sündenfall ereigne sich täglich von neuem und zwar im Leben jedes einzelnen Menschen. Diese Ursünde ist also kein einmaliges historisches Ereignis. Irreführend ist deshalb die deutsche Übersetzung des Wortes mit „Erbsünde".
Der Reformator Martin Luther (1483- 1546) machte sich wenig Illusionen über die Fähigkeit des Menschen, sich grundlegend moralisch zu bessern.
Der Mensch sei so in der Sünde gefangen, dass er sich nicht aus eigener Kraft befreien könne. Gerade diejenigen, die sich um moralische Perfektion bemühten, stünden besonders in Gefahr, eitel und arrogant zu werden, warnte Luther. Viel besser ergehe es denen, die um ihre eigene Fehlerhaftigkeit wissen und sich deshalb mit moralischen Urteilen über andere zurückhalten.
Luther ließ seiner Verachtung für Scheinheiligkeit gern und oft freien Lauf. Einmal schrieb er sogar: „Pecca fortiter!" Auf Deutsch: „Sündige stark - doch glaube noch stärker an Christus, den Sieger über alle Sünde." Wer hart mit sich ins Gericht gehe, brauche nicht zu verzweifeln. Sein himmlischer Richter, Christus, sei gnädig und rechne dem reuigen Sünder seine Schuld nicht an.
Mit sich ins Gericht gehen oder schon von vornherein auf die Stimme des Gewissens hören - das kann aber nur, wer es auch gelernt hat. Je kleiner Kinder sind, desto mehr sind sie daher Opfer der Umstände, in denen sie aufwachsen. Sie können wenig dafür, wenn sie die Laster ihrer erwachsenen Umgebung nachahmen. Kinder müssen Regeln respektieren lernen. Eine Chance, das zu lernen, haben sie nur, wenn sie durch Liebe und Zuwendung eine starke Selbstsicherheit entwickeln, nicht aber, wenn sie mit Schuldgefühlen überfordert und eingeschüchtert werden.
In Kindern reift das Bewusstsein für das, was sie anderen Menschen an Verletzungen zufügen, allmählich heran. Sie sind nicht im vollem Maße schuldfähig. Erst der mündige Mensch muss für seine Sündhaftigkeit geradestehen. In Sünde lebt er aber schon von Geburt an.
Burkhard Weitz

Kommentare: 5
Lange Rede, kurzer Sinn:
Aus der Sünde kann uns nur einer retten: Jesus Christus.
Insofern irrt Nikodemus, als er fragte: "Kann denn aus Nazareth etwas Gutes kommen?"
Wir wissen es heute besser und können frohen Herzens antworten: << JA >>
Leider ist mir in meinem Eintrag vom 3. Juli 2007 ein Irrtum unterlaufen: Es war natürlich Nathanael, der fragte: "Kann denn aus Nazareth was Gutes kommen?"
Nichtsdestotrotz, weiss natürlich auch Nikodemus die Antwort.
Mea culpa.
Möge der Herr unseren Weg segnen. Amen
Ich bin Jahrgang 1958, geboren in Westdeutschland, knapp 13 Jahre nach den Nazis. Es leben heute noch einige Menschen, die können meine Muttersprache nicht hören ohne eine Gänsehaut zu bekommen.
Als Junge machte ich Ferien mit meinen Eltern in Dänemark. Unser Pensionswirt hatte seinen Hund so abgerichtet, dass der den hingeworfenen Knochen nicht anrührte, wenn Herrchen "ist deutsch!" rief.
Als Teenager kam ich im Zug nach Frankreich mit Franzosen ins Gespräch. Sie verhörten mich darüber, ob ich auch wüsste, was wir den Franzosen im Krieg angetan haben. Ich wusste Bescheid, wies aber darauf hin, dass ich jung war. Eine ältere Französin rang sich ein Lächeln ab und sagte: "Man muss vergessen, man muss vergessen."
Mehrere ausländische Studienkollegen haben mich während meiner Zeit an der Uni ernsthaft gefragt, ob ich über die Konzentrationslager Bescheid wüsste. Ich konnte sie beruhigen. Mein Geschichtsunterricht war gut gewesen.
Später war ich Hochschullehrer in der Post-Sowjetunion. Ich ging einmal mit einer Studentin zu einer Uni-Feier. Wir mussten ein bisschen suchen. Ich rief ihr zu: "Halt! Nein! wir müssen nach links!" Das ließ sie zusammenzucken. Die Wehrmachtsoffiziere in Sowjetischen Kriegsfilmen hatten immer "Halt!" gerufen, bevor sie schossen. Es dauerte eine ganze Weile, der Studentin zu erklären, dass das Wort auch eine zivile Bedeutung hat.
Seit dem Deutschen Sommermärchen und der Love Parade gibt es neue Bilder in den Köpfen unserer Nachbarn. Die alten Bilder werden vergilben. Die junge Generation soll aber wissen, dass es sie gab.
Martin Luther hat aber auch gesagt: Simul Justus et peccator ...... d.h.
Sünder und Heiliger zur selben Zeit
Und Recht hat er damit.
JEDER von Neuem geborenen Christ weiß genau wovon ich spreche.
Das Sünder Teil wird erst aufhören wenn wir "dort" angekommen sind.
Da ist täglich im Himmel ein Argument zwischen Christus und dem Satan.
Satan beschuldigt mich (und mit Recht) gesündigt zu haben. Jesus steht auf und sagt: " Er ist mein und durch mein Blut nicht schuldig".
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Auch die Patschelfüßchen der Kleinen, so süß sie sind, sind Füße eines Sünders. Die Bibel sagt daß wir in Sünde gezeugt wurden, und alle Sünder sind. Alle.
Aber, wie Kurt schon oben schreibt, kann nur Christus uns helfen.
Ich bin überzeugt, daß wenn ihn jemand sucht, mit ganzem Herzen, wird Gott sich offenbahren.
Wenn man aber nicht daran glaubt, kann man 120 Jahre alt werden und Gott wird sich nicht offenbahren, da man ihn in den Schatten drückt. Du wirst ihn nicht sehen, spüren oder riechen.
Garantiert !
So, wie beim Anfang dieses Artikels ist es jetzt auch noch die selbe Frage:
Matthäus 27:22: " Was machst du mit Jesus, dem Messias" ?