Ist Reichtum ein Handikap?
Der junge Mann hielt sich selbst für perfekt und hoffte, ewiges Glück verdient zu haben. Er war erfolgreich, aber rechtschaffen. Er lebte moralisch einwandfrei, engagierte sich sozial. Das musste doch wohl reichen, oder? Aber es reichte nicht.
„Eins fehlt dir noch", musste er sich anhören. „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf alles, was du hast, und gib den Erlös den Armen - dann hast du einen Schatz im Himmel - und auf: Folge mir nach!" Als der junge Mann das hörte, ging er traurig davon, denn er war sehr reich.
Reichtum scheint ein Handikap zu sein, jedenfalls wenn man der Erzählung Jesu vom „reichen Jüngling" aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 19,16-26) folgt, denn Jesus quittiert den Fortgang des reichen Jünglings mit dem berühmten Satz: „Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt." Ist also Reichtum an sich schlecht? Muss etwa, wer reich ist, immer ein schlechtes Gewissen haben?
Die Antwort lautet ganz klar: Nein. Zwar gibt es in der Bibel drastische Stellen der Reichtumsschelte. Die jüdisch-christliche Tradition erhebt Einspruch, wenn Wohlstand und Reichtum auf Kosten derer angehäuft werden, die arm und schwach sind. Klagen gegen die Ungerechtigkeit der Reichen finden sich schon im Alten Testament, zum Beispiel in den Prophetenbüchern.
Auch Jesus wendet sich entschlossen den Armen und Entrechteten zu, und zwar um deutlich zu machen, dass der Wert eines Menschen vor Gott nicht von Besitz oder sozialer Stellung abhängt. Um der christlichen „Option für die Armen" Nachdruck zu verleihen, macht der neutestamentliche Jakobusbrief gar Ankündigungen wie diese: „Und nun, ihr Reichen: Weint und heult über das Elend, das über euch kommen wird."
Ein Gericht soll über die Reichen hereinbrechen, weil sie ihren Reichtum unrecht und auf Kosten der Armen erworben haben. Modern gesprochen: weil sie jede Sozialbindung des Eigentums ablehnen.
Im Laufe der Kirchengeschichte standen sich häufig radikale Positionen in der Einschätzung des Reichtums gegenüber. So war die Frage, ob Jesus überhaupt einen Geldbeutel gehabt habe, Auftakt eines am Ende handgreiflichen Streitgespräches zwischen den auf Armut bedachten Franziskanern und den Dominikanern.
Umberto Eco hat diesen Konflikt zweier Orden in seinem berühmten Roman „Der Name der Rose" geschildert. Auch im Laufe der Reformation gab es radikale Reichtumskritiker, wie zum Beispiel auf Seiten der Täuferbewegung, die alle sozialen Schranken und alle Besitzverhältnisse in Frage stellte.
Heute ergreifen Kirchenvertreter in Afrika, Asien und Lateinamerika, ebenso der Papst und der Ökumenische Rat der Kirchen immer wieder klar Partei für die Armen und verurteilen - ausdrücklich mit Bezug auf die biblische Tradition - die Auswirkungen eines ungebremsten Kapitalismus.
Die häufige Problematisierung von Armut und Reichtum in der Bibel weist den Fragen der sozialen Gerechtigkeit ein großes Gewicht zu. Aber der Hauptakzent der biblischen Kritik liegt nicht auf dem Reichtum an sich, sondern auf dem unverantwortlichen Umgang mit ihm.
Den gibt es übrigens nicht nur gegenüber dem Nächsten oder ganzen sozialen Gruppen, sondern auch gegenüber sich selbst. Wer sich zu sehr auf seinen Besitz und seinen Reichtum verlässt, wer in ihnen das Wichtigste seines Lebens sieht und sich selbst nicht mehr ohne seinen Besitz vorstellen kann, der verfehlt sein Leben: Er ist im Tiefsten seiner Seele unfrei.
Der christliche Glaube wirbt dafür, dass die Menschen ihr Selbstverständnis nicht aus ihrem Besitz oder ihren Leistungen gewinnen, sondern innerlich von ihnen unabhängig bleiben.
Hier liegt auch die Pointe der Geschichte vom reichen Jüngling. Bei allem Willen zum Guten ist der junge Mann im Innersten seines Wesens nicht frei von seinem materiellen Besitz, sondern definiert sich letztlich darüber. Er hat sein Herz an seinen Besitz gehängt und kommt nicht mehr davon los.
„Worauf du nun dein Herz hängest, das ist dein Gott", mahnte der Reformator Martin Luther in seinem Großen Katechismus in der Erklärung zum ersten Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
Er fuhr fort: „Es ist mancher, der meinet, er habe Gott und Alles gnug, wenn er Geld und Gut hat. (...) Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißet Mammon, das ist Geld und Gut, welches auch der allergemeinest Abgott ist auf Erden."
Ist Reichtum ein Handikap? Sagen wir so: Wer sich nur um seinen persönlichen Besitz sorgt, bei dem ist kein Platz mehr für Gott und den Nächsten. Dieser Reichtum ist tatsächlich ein Handikap, eine Blockade, für die Habenichtse wie für den Eigentümer selbst.
Reinhard Mawick

Kommentare: 3
Unser Herr und Heiland hat, u.a., dazu folgendes gesagt: "Verkauft euren Besitz und schenkt das Geld den Armen! Verschafft euch Geldbeutel, die kein Loch bekommen, und sammelt Reichtümer bei Gott, die euch nicht zwischen den Fingern zerrinnen und nicht von Dieben gestohlen und von Motten zerfressen werden können. Denn euer Herz wird immer dort sein, wo ihr euren Reichtum habt."
Man kann also nicht Diener zweier Herren sein: Dem Mammon und Gott.
Fazit aus den Worten unseres Herrn: Liebt Gott mit jeder Faser eures Herzen und mit ganzer Kraft und gebt Gott den Vorrang vor dem Geld und allen anderen Gütern; denn sonst ist das Heulen und Zähneklappern groß.
Ja, wir müssen Gott eben mehr gehorchen, als den Menschen, frei nach dem Motto:
Ich will den Herren droben /
hier preisen auf der Erd, /
ich will ihn herzlich loben, /
solang ich leben werd.
Nun habt ihr, so ganz nebenbei, auch gelernt, wann ich WILL sagen darf, und wann MÖCHTE.
Wer es nicht verstanden hat, darf mich fragen, unter der e-mail: kurt.sievers@freenet.de
Wenn du Geld liebst wirst du nie genug haben.
Das ist das Dilemma der reichen Menschen. Es scheint wirklich war zu sein mit dem Kamel in Matt. 19:24