Was ist das Gewissen?
Willi Wiberg, sieben Jahre alt, kann nicht einschlafen. Er hat heute jemanden geschlagen, der kleiner ist als er. Diesen kleinen Jungen mit dem Ball! Es ist fast so, als ob irgendetwas Unheimliches im Zimmer wäre. Plötzlich begreift er: Unter seinem Bett ist ein Ungeheuer!
Das Ungeheuer, das Willi Wiberg in Gunilla Bergströms Kinderbuch unterm Bett wähnt, ist sein Gewissen, das ihn drückt. Bergströms Geschichte weist darauf hin: Schon Kinder haben mit jenem wichtigen und oft komplizierten Prozess zu tun, der uns in unseren Gefühlen und Handlungen bestimmt.
Etwas, was uns Menschen beschäftigt, seit Adam und Eva im Paradies gegen Gottes Verbot in den Apfel bissen und sich daraufhin ihrer Nacktheit schämten. Was aber ist das Gewissen?
Nach Sigmund Freuds klassischer Definition besteht die menschliche Seele aus drei Machtbereichen, die oft miteinander im Konflikt stehen: Als "Über-Ich" versteht Freud alles, was uns als gut und böse, was uns an Normen und Grundsätzen anerzogen und häufig mit Verboten oder Tabus eingetrichtert wurde.
Gegen dieses "Über-Ich" löckt immer wieder der Stachel des "Es". Die "Es"-Sphäre ist für Freud alles Triebhafte im Menschen, alles, was wir ohne Einschränkung ausleben möchten. Gleichsam als Zähmung beider Extreme konstruiert Freud einen dritten Bereich, das "Ich".
In der "Ich"-Sphäre bildet sich das, was ein Mensch mit ausreichendem Selbstbewusstsein und mit Realitätssinn als sein Lebenskonzept ansieht. Es ist die Fähigkeit eines Menschen, sich selbst, sein Wollen und sein Verhalten an einem Maßstab zu messen. Der Philosoph Immanuel Kant nannte diesen Entscheidungsprozess des Gewissens "das Bewusstsein eines inneren Gerichtshofes des Menschen".
Gewissen heißt Mit-Wissen
Aber aus welchen Normen und Vorstellungen entsteht dieses eigentümliche Bewusstsein, was sind die Maßstäbe unseres Gewissens? In der alten christlichen Dogmatik heißt Gewissen conscientia, lateinisch für: Mitwissen. Gemeint ist hier das Mit-Wissen mit dem Willen Gottes.
Für den Reformator Martin Luther hatte solches Mitwissen eine ganz besondere Bedeutung. Auch er wollte unbedingt Gottes Willen erkennen und nach ihm handeln. Darüber geriet er in eine schwere Krise, weil er an den starren Glaubensregeln und Bußübungen seiner Zeit scheiterte.
Schließlich musste Luther erkennen, dass er die Wahrheit über sein eigenes Leben nicht durch das Ableisten von "guten Werken", durch kirchlich geforderte Buß- oder Gebetsübungen erfahren konnte.
Im Gegenteil: Die Menschen, kirchliche Würdenträger natürlich eingeschlossen, erreichen aus eigener Kraft wenig. Sie brauchen gleichsam einen Impuls von außen, einen Impuls, den sie aber aus freien Stücken aufnehmen müssen, damit er ihnen hilft.
Für Luther liegt dieser Impuls im Hören auf Gottes Wort, so wie er es in der Bibel fand. Ihm ging es dabei nicht um eine sklavische Befolgung irgendwelcher Gebote, sondern um eine ehrliche, offene Auseinandersetzung mit dem, was er dort fand, zum Beispiel das Gebot der Nächstenliebe.
Die immerwährende kreative Auslegung der Bibel ist bis heute die entscheidende Grundlage christlicher Gewissensbildung. In welcher Haltung und Erwartung die Menschen auf Gottes Wort hören, das ist also der entscheidende Schlüssel zur Bildung eines christlichen Gewissens. Die Freiheit der eigenen Entscheidung ist dabei wichtig, ja unersetzbar.
"Ich kann nicht anders"
Ein solches Gewissen kann den Menschen in schwierige Situationen führen. Für Martin Luther war das zum Beispiel die denkwürdige Stunde vor dem Reichstag zu Worms 1521, als der Kaiser ihn zwingen wollte, seinen Ideen abzuschwören.
Er aber blieb standhaft und folgte seinem Gewissen: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir." Nicht immer ist eine Gewissensentscheidung so dramatisch. Aber immer wieder - das lehrt nicht nur die Bibel, sondern das zeigen auch viele Alltagssituationen - geht es um Grundsätzliches in der Beziehung zu den Mitmenschen, die für Christen die "Nächsten" sind.
So auch bei Willi Wiberg. Er hat einen kleinen Jungen geschlagen, einfach so, im Zorn. Sein Gewissen meldet sich am Abend, und zwar wie ein knurrendes, drohendes Ungeheuer unter dem Bett. Dass er nicht recht gehandelt hat, müssen ihm keine strengen Eltern oder Lehrer sagen, sondern das sagt ihm sein Gewissen. Willi Wiberg sucht den kleinen Jungen und findet ihn. Er versöhnt sich mit ihm und kann dann wieder durchatmen - erleichtert in seiner Seele und endlich wieder mit gutem Gewissen.
Reinhard Mawick

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William Shakespeare's Schauspiel:
König Richard III, 1. Aufzug, 4. Szene, Reclam.
Folgender Wortwechsel geht zwischen zwei Mördern:
1.Mörder: Wie ist dir jetzt zumute?
2. Mörder: Mein Treu, es steckt noch immer ein gewisser Bodensatz Gewissen in mir.
1. Mörder: Denk an unsern Lohn, wenn's getan ist.
2. Mörder: Recht! er ist des Todes. Den Lohn hatt' ich vergessen.
1. Mörder: Wo ist dein Gewissen nun?
2. Mörder: Im Beutel des Herzogs von Gloster.
1. Mörder:Wenn es also seinen Beutel aufmacht, uns den Lohn zu zahlen, so fliegt dein Gewissen heraus.
2. Mörder: Es tut nichts, lass es laufen; es mag's ja doch beinahe kein Mensch hegen.
1. Mörder: Wie aber, wenn sich's wieder einstellt?
2. Mörder: Ich will nichts damit zu schaffen haben, es ist ein gefährlich Ding, es macht einen zur Memme. Man kann nichts stehlen, ohne dass es einen anklagt, man kann nicht schwören, ohne dass es einen zum Stocken bringt; man kann nicht bei seines Nachbarn Frau liegen, ohne dass es einen verrät's ist ein verschämter blöder Geist, der einem im Busen Aufruhr stiftet; es macht einen voller Schwierigkeiten; es hat mich einmal dahin gebracht, einen Beutel voll Gold wieder herzugeben, den ich von ungefähr gefunden hatte; es macht jeden zum Bettler, der es hegt; es wird aus Städten und Flecken vertrieben als ein gefährlich Ding, und jedermann, der gut zu leben denkt, verlässt sich auf sich selbst und lebt ohne Gewissen.
Soviel zur irdischen Erklärung; die geistliche folgt !
Jeder, der ein Gewissen hat, kann, wenn er einigermaßen bei Verstand ist, sehr wohl unterscheiden, was gut oder böse ist; denn wenn er etwas schlechtes getan hat, "schlägt" ihm das schlechte Gewissen.
Als Vergleich kann ich folgern, dass, wenn ich vorhabe etwas böses zu tun, und ich mich frage, WWJD, soll heissen, <
Die Heilige Schrift hat ein gutes Beispiel genannt:
Wenn du dich mit deinem Bruder erzürnt hast, gehe noch vor dem Gottesdienst zu ihm und vertrage dich mit ihm.
Mein schlechtes Gewissen sagt mir also, dass etwas nicht stimmt.
Im Umkehrschluss gilt aber dasselbe Prinzip:
<< Wer den Willen meines Vaters tut, der ist mein Bruder, meine Schwester, oder meine Mutter >>
Wenn ich etwas tue, was Gott gefällt, und das spüre ich durch den Heiligen Geist sehr wohl, habe ich ein gutes Gewissen.
Der Volksmund sagt: Ein gutes Gewissen, ist ein sanftes Ruhekissen.
Wie wahr!
Laßt mich doch einfach mal wie folgt antworten:
Im Jeremiabrief im 4. Kapitel steht:
>>Sie wissen genau, wie man Böses tut, aber wie man Gutes tut, geht über ihren Verstand.<<
Meint ihr nicht auch, dass sich das Gewissen nun regt?
Also - nun wissen wir, was das Gewissen ist.