Hat Gott Eltern?
„Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein", schmettert der Knabenchor ein letztes Mal zum Ende der Weihnachtszeit, am zweiten Februar. Die Chorleiterin will es wissen.
„Was meint ihr: Wer ist denn mit dem Kindlein gemeint?", fragt sie in die Runde. Ein schmächtiger Junge meldet sich. „Jesus", sagt er.
„Richtig", sagt die Chorleiterin. Dann erklärt sie die nächste Strophe: „Gleich singen wir, wie Gott ein Kind in der Krippe wird." Der Junge meldet sich wieder: „Ist das Kind in der Krippe Gott?" - „Ja", sagt die Chorleiterin, „so kann man das sagen." - „Hat Gott Eltern?", fragt der Junge.
Die Chorleiterin stutzt. So hat sie noch nie darüber nachgedacht.
Ganz abwegig ist die Frage nicht. Christen sprechen oft so von Gott, als habe er eine Familie. Es gibt einen Gottessohn, gezeugt von Gottvater und geboren von der Gottesmutter Maria.
Schwierige göttliche Verhältnisse in der Gottesfamilie
Spätestens am Karfreitag wird es dann allerdings schwierig mit den Verhältnissen innerhalb der göttlichen Familie. Da heißt es, Gott selbst sterbe den Tod am Kreuz.
Doch in den Momenten zuvor betet der dem Tode Geweihte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Markusevangelium 15, 34)
Und weiter: Seine Mutter steht in tiefer Trauer neben dem Kreuz. Unverständlich bleibt an dieser Szene: Wenn Vater und Sohn getrennte Personen, aber beide doch Gott sind, müsste der Sohn ja sein eigener Vater sein: eine unsinnige Vorstellung.
Und wenn die Gottesmutter Maria ein normaler Mensch, ein Geschöpf Gottes ist, hätte Gott seine eigene Mutter erschaffen. Auch das klingt - wörtlich verstanden - wenig überzeugend.
Wie passt das zusammen? Religiöse Sprache ist in erster Linie Bildsprache. Sie verwendet Begriffe der Alltagssprache, um in einfache Bilder zu kleiden, was sich sonst nur sehr umständlich sagen ließe.
Dass Gott seinen Geschöpfen nahe ist und für sie sorgt, auch wenn dies in schweren Zeiten nicht den Anschein hat, formulieren Juden und Christen ganz einfach. Sie sagen, Gott sei den Menschen ein Vater.
Symbolik aus dem Bereich Familie
Dass Jesus Gott besonders nahe stand und vorlebte, wie der Mensch nach Gottes Willen sein soll, formulieren sie so: Jesus war Gottes Sohn.
Symbole aus dem Bereich der Familie spielen in vielen Religionen eine wichtige Rolle. Das ist nicht verwunderlich: Kein Jungtier kommt so schutzlos zur Welt und ist annähernd so lange auf die Fürsorge seiner Eltern angewiesen wie das Menschenkind.
Die Eltern sind ein Leben lang wichtige Bezugspersonen. Selbst wenn die Elternbeziehung gestört ist und man sich von den Eltern abzugrenzen versucht, wirkt ihr Einfluss lange nach.
Die eigene Familie kann sich kein Mensch aussuchen. Fast niemand kann sich ihrem Einfluss ganz entziehen.
Manche Religionen vergleichen die Erschaffung der Welt mit einem Zeugungsakt: Der Himmelsgott und Vater aller Dinge befruchtet Mutter Erde mit seinem Samen. Gottheiten gelten in solchen Religionen im wörtlichen Sinne als Eltern, sie zeugen und gebären alles Leben.
Gott vertrauen wie dem eigenen Vater
Judentum, Christentum und Islam hingegen kennen keine solchen Schöpfungsmythen. Sie sehen den Menschen nicht in einer Abstammungslinie mit der Götterwelt. Der Mensch gilt ihnen vielmehr als diesseitiges Gegenüber zum jenseitigen Gott.
Gottheit und Menschenwelt sind in allen monotheistischen Religionen voneinander streng getrennt. Ihnen zufolge hat Gott alle Menschen aus Staub erschaffen. Gleichwohl nennen Juden und Christen Gott einen Vater, manchmal auch eine Mutter.
Wenn sie das tun, meinen sie damit aber nicht einen Verwandtschaftsgrad, sondern ein besonders inniges Gottesverhältnis.
Gott einen Vater zu nennen heißt, ihm zu vertrauen, und zwar so, wie man seinem irdischen Vater vertraut - oder wie man seinem irdischen Vater gern vertraut hätte.
Gott kann Mensch sein
Kein Mensch kann nach Vorstellung der monotheistischen Religionen Gott sein. Wer es dennoch zu sein beansprucht, gilt als größenwahnsinnig. Für Christen kann Gott aber sehr wohl Mensch sein.
In der Person Jesu Christi, von einer menschlichen Mutter geboren, nimmt Gott eine irdische Existenz an. Gott wird ein wahrhaftiger Mensch. Und die Menschen sollen es Gott gleichtun: Sie sollen ebenfalls wahrhaftige Menschen werden.
Hat Gott also Eltern? Nicht im wörtlichen Sinne. Gott ist ewig und kann allein schon deshalb keine Vorfahren haben. Gottvater und Gottmutter sind Symbole. Sie deuten auf eine innige Beziehung zu Gott hin. Und als Gottessohn zeigt Gott den Menschen, was wahre Menschlichkeit ist.
Burkhard Weitz

Kommentare: 5
Unsere angeborene Zurückhaltung verbietet uns auf den Beitrag von Burkhard Weitz zu antworten; nur soviel:
Es gibt immer Leute, die lernen, und doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.
Ich bin auch ein sehr zurückhaltender Mensch. Ich denke gerne und ausgiebig nach und geh oft in die Kirche. Wenn du Lust hast mit mir die Erleuchtung zu suchen meld dich doch einfach bei mir:)
deine Andrea
kurt.sievers@freenet.de
Die ist nicht nur eine Frage, die Kinder beschäftigt sondern auch uns Phylosophen.
Dann fragt man sich doch, welchen Sinn erfüllt ein mögliches Wesen wie Gott?
Ich persönlich habe noch keine Antworten zu dieser Fragestellung finden könne und bislang noch keinen kausalen Zusammenhang zur Existenz Gottes erklären können.
Du findest keine befriedigende Antwort weil du aus menschlicher Perspektive fragst. Das Christentum stellt diese Frage aus der göttlichen Perspektive:
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Gott - weder an Raum noch Zeit gebunden braucht er keinen Schöpfer. Er selbst ist der Ursprung von allem das existiert, er ist der alles Erschaffende. Zu welchem Zweck hat er bloss den Menschen erschaffen?