War Jesus ein gesetzestreuer Jude?

Religionsunterricht in Norddeutschland. Es geht um das Leben Jesu. Die Lehrerin erzählt in einer siebten Realschulklasse, dass Jesus die religiösen Feste intensiv mitfeierte, so, wie es eben Brauch und Vorschrift im Judentum ist.

Ein Zwölfjähriger sagt erst lange Zeit gar nichts. Dann springt er, von einer plötzlichen Einsicht gepackt, auf und ruft enttäuscht quer durch die Klasse: „Aber dann war Jesus ja Jude!" Die Lehrerin lächelt wissend.

„Aber er war doch der erste Christ, oder nicht?", hakt der Schüler nach, „dann kann er doch gar kein echter Jude sein!" Dumm, dass ausgerechnet in diesem Moment die Pausenglocke läutet.

Aber damit steht das Thema für die nächste Stunde bereits fest: War Jesus Jude? Oder war er doch eher Gründer einer Kirche und deshalb auf Distanz zum Judentum?

Er lernte bei Juden und lebte unter ihnen

Ruth Lapide, jüdische Theologin und Historikerin in Frankfurt, die über Jahrzehnte die Geschichte Jesu erforschte, äußerte einmal in einem Interview für Bibel-TV: „Jesus von Nazareth gehörte zeitlebens dem Judentum an. Die Jesusgeschichte ist eine jüdische Geschichte."

Und sie untermauert ihre Analyse mit einer frappierenden Beobachtung: Fast nur Juden akzeptierten Jesus zu seinen Lebzeiten. In der Bibel sind nur ganz wenige Nichtjuden genannt, die diesem Mann Gehör schenkten - zum Beispiel der römische Hauptmann, der unter Jesu Kreuz stand und viel zu spät merkte, wen er da zu Tode quälte, oder eine Syrophönizierin, die um Hilfe für ihre kranke Tochter bat.

Wenn man die vermutlich drei Jahre des öffentlichen Wirkens durchsieht, findet man tatsächlich etliche Hinweise, die den Mann aus Nazareth als einen traditionsbewussten Juden kennzeichnen: Er ist beschnitten, lebt fast ohne Unterbrechung unter Juden.

Er lernt bei jüdischen Schriftgelehrten (Rabbinern), geht zum Gottesdienst in den Tempel von Jerusalem und in die Synagogen des Landes. Seine öffentlichen Reden und Predigten richten sich ausschließlich an Juden.

Er wollte das Gesetz erfüllen, nicht aufheben

Er ist bestens vertraut mit den vielen religiösen Geboten des Judentums. Eines seiner markantesten Worte zum jüdischen Recht lautet: „Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht" (Matthäus 5,18).

Aber es sind auch Bemerkungen und Verhaltensweisen von Jesus überliefert, die eine kritische Distanz zum jüdischen Gesetz erkennen lassen. Das zeigen vor allem die Sabbatkonflikte. Zum Beispiel heilt Jesus am Sabbat Kranke.

Auch das jüdische Gesetz kennt einige Ausnahmen von der Pflicht zur Sabbatruhe, zum Beispiel im Fall von Lebensgefahr. Aber die kritischen Bemerkungen Jesu zum Sabbatgesetz gehen über diese erlaubten Ausnahmen hinaus.

Ein Unding für Schriftgelehrte

Er toleriert außerdem, dass seine Anhänger gegen die Reinheitsvorschriften verstoßen (Markusevangelium 7,15). Auch beim Thema Ehescheidung nimmt er eine eigene Position ein, diesmal eine radikalere als im überlieferten Gesetz: Er kritisiert die zu leichten Ehescheidungen als gottwidrig. All dies ist für die Schriftgelehrten seiner Zeit ein Unding.

Er sprach und lehrte mit hoher Autorität. Er weckte in den Menschen die Hoffnung, dass in naher Zukunft ganz andere Verhältnisse herrschen würden, gerechte, freie, auch frei von der Unterdrückung durch die römische Besatzungsmacht, und dass er der Messias (Christus) sei, der sie auch politisch in diese neue Zeit führen werde.

Jesus selbst hat nie den Anspruch formuliert, dieser Messias zu sein, doch seine Person und sein Wirken legten es nahe. Er „reinigte" den Tempel, das „Haus seines Vaters", von Geldwechslern, er starb am Kreuz mit der Aufschrift: „König der Juden".

Es sollte nach Jesu Tod allerdings noch Jahre dauern, bis eine namhafte Zahl von Gemeinden entstand, die sich nicht mehr aus Juden, sondern aus „Heiden" rekrutierten.

In die biblischen Texte, die ebenfalls in dieser Zeit entstanden, gerieten zunehmend antijüdische Töne hinein. Auch dies ist ein Grund dafür, dass manchmal der Eindruck entsteht, Jesus hätte radikal mit seinem jüdischen Glauben gebrochen.

Doch er war ein Jude, der vor allem von Juden geliebt wurde, auch wenn er nicht jedes Tüpfelchen der religiösen Gesetze respektierte.

Eduard Kopp

Kurt E. Sievers
am 11. Juli 2007 um 15:37
Wo jemand Recht hat, da hat er/sie Recht.
Die jüdische Theologin Ruth Lapide verweist darauf, dass Jesus ein Jude war und die Mehrzahl der Geretteten folgernd Juden waren; es handelt sich also - und da hat sie Recht - um eine jüdische Geschichte.
Deutsche waren jedenfalls nicht anwesend; zumindest steht darüber nichts in der Schrift.
Doch wer A sagt, muss auch B sagen.
Es waren - Ruth Lapide folgend - also auch Juden, die die Kreuzigung verlangten. Auch in diesem Punkt gibt die Heilige Schrift, das Geschehen tatsachengerecht wider.
Die einzige Entschuldigung, die man gelten lassen könnte, war, dass sie von ihren Führern, wie da sind die Pharisäer etc, dazu angestiftet worden sind.
Aber das sind Rechte, die die Deutschen im 3. Reich auch für sich in Anspruch nehmen.
Im Philipperbrief 2:14 steht: << Tut, was Gott gefällt, ohne Wenn und Aber! >>
Ach, wenn die Regierenden doch nur diesen Satz anwenden würden; aber nicht doch, dann könnte ja Frieden ausbrechen, und das wollen wir doch .....!
Kurt E. Sievers
am 11. Juli 2007 um 16:17
Wenn man nur die reine Frage der Überschrift nimmt, ob Jesus ein gesetzestreuer Jude war, kann man das bejahen.
Die Pharisäer wollten Jesus doch mit der Frage, ob man Steuern zahlen müsse, versuchen.
<< Dann gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und gebt Gott, was Gott gehört. >>
Ja, es werden einst andere Zustände herrschen.
Bleibt zum Schluss nur noch die Frage, wohin willst du gehen und möchtest du dazugehören.
Mein Weg hat einen Namen: JESUS aus Nazareth. Amen
Kurt E. Sievers
am 2. Juni 2008 um 00:32
War Jesus ein gesetzestreuer Jude?
Im sechsten Absatz weicht Ruth Lapide erneut von der Wahrheit ab.
Fast nur Juden akzeptierten Jesus zu seinen Lebzeiten.
Da Jesus NUR in seiner Heimat lehrte - nicht wie Paulus in Rom, Antiochia, Korinth etc - konnten auch nur Juden, wenn sie es denn taten, ihn anerkennen.
ABER Jesus sagte auch, dass das jüdische Volk ihn nur mit dem Mund ehrt, denn mit dem Herzen sind sie weit entfernt.
Somit mutet die "Analyse" der jüdischen Theologin Ruth Lapide mehr als seltsam an.
Mahatma Gandhi sagte einmal: "Wer den Weg der Wahrheit geht, stolpert nicht."
Also: Wisse wem du folgst und höre nicht auf müßiges Geschwätz.
Joachim Becker, Essen
am 17. Juni 2008 um 16:19
Sehr geehrter Herr Kopp,
Sie beantworten die Frage "War Jesus ein gesetzestreuer Jude?" einerseits mit einem Ja ("Doch er war ein Jude"), andererseits melden Sie Zweifel an, ob Jesus gesetzestreu war ("auch wenn er nicht jedes Tüpfelchen der religiösen Gesetze respektierte.").Dadurch erwecken Sie aber den Eindruck, als habe sich Jesus vom Judentum distanziert, bzw. sich gegen den im Gesetz, d.h. in der Tora ausgedrückten Willen Gottes gestellt. Dies hätte Jesus sicherlich bestritten: er hätte sich und seine Bewegung als toratreu, als gesetzestreu interpretiert - wie dies auch die anderen zeitgenössischen Gruppen der Sadduzäer, Pharisäer, Zeloten, Essener auch getan hätten. Die von allen, besonders auch von Jesus, betriebene Tora-/ Gesetzesauslegung ist gerade ein Zeichen der Toratreue!. D.h. eine eindeutige Definition von "gesetzestreu" gibt es im damals (und auch heute!) gespaltenen Judentum nicht. Erst wo sich die eigene Position absolut setzt und mit der Macht verbindet, wird es für die andere Gruppe lebensgefährlich. In diesem Sinne ist die Frage nach der Gesetzestreue Jesu eine Frage der Perspektive. Als Christen sollten wir die gestellte Themafrage (s.o.) voll bejahen (und damit das Definitionsrecht Jesu bewahren!)und ihm die Gesetzestreue nicht absprechen.
Joachim Becker, Essen
ingrid hörnberg
am 7. September 2008 um 08:05
Ich kann mir nicht vorstellen, daß Jesus Jude gewesen sein soll. Der Vater von Jesus ist Gott. Die Mutter Maria. Wenn man den Mut und die Entschlußkraft betrachtet, mit dem Jesus handelt, so könnte Maria Keltin/Galaterin, bzw. Germanin gewesen sein. Wenn man die Lehre Jesus anschaut, so findet man viel altägyptisches darin. Das Jüdische und die Lehre Jesus sind so verschieden, daß ich mir nicht vorstellen kann, daß es hier einen gemeinsamen kulturellen Ursprung geben kann. Da in diesem Gebiet die verschiedensten Soldaten und Händler gewesen sind, haben sich bestimmt etliche Fremde dort dauerhaft niedergelassen.
Blos weil Jesus aus Judäa war, muß er kein Jude gewesen sein. In Deutschland gibt es auch viele Leute, die die deutsche Staatsangehörigkeit haben, aber keine Deutsche sind.
ingrid hörnberg
am 7. September 2008 um 10:18
Herr Kopp,
hat es wirklich am Kreuz "König der Juden" geheißen, oder nicht doch "König der Judäer"?
Kurt E. Sievers
am 30. Oktober 2008 um 15:41
War Jesus ein gesetzestreuer Jude ?
Ruth, laß es mich in einem Satz sagen:
Der wahre Jude ist der, der nicht bei Menschen Anerkennung sucht, sondern bei Gott.

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