Gibt es Gnade ohne Reue?

Der Bundespräsident kann dafür sorgen, dass ein früherer Terrorist vorzeitig aus der Haft freikommt. Aber muss der dafür nicht erst bereuen? Martin Luther meinte: Gnade macht Reue erst möglich.

Vom Motorrad aus schoss der Mann ins Innere des dunkelblauen Mercedes. Mit 15 Kugeln aus dem Lauf einer Maschinenpistole tötete er am 7. April 1977 den Chauffeur Wolfgang Göbel, den Sicherheitsbeamten Georg Wurster und den Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Vermutlich hielt der Täter die Insassen des Wagens für "Schweine in Uniform" und "Charaktermasken". Er hatte verlernt, in ihnen Menschen mit eigener Würde zu sehen.

Einer der Tatbeteiligten war Christian Klar. Ob er selbst schoss oder ein Komplize, darüber schweigt Klar bis heute. Der inzwischen 54-Jährige ist seit bald 25 Jahren in Haft, eine vorzeitige Haftentlassung ist ab 2009 möglich. Nun möchte der Ex-RAF-Terrorist, dass ihm die letzten Jahre seiner Haft erspart bleiben. Er bat den Bundespräsidenten um Begnadigung.
Eine Debatte um Klars Gnadengesuch ist entbrannt. Namhafte Theologen meldeten sich zu Wort und empfahlen dem Präsidenten, Klar nicht eher zu begnadigen, als bis er Reue für seine Taten zeige. Doch setzt Gnade wirklich Reue voraus?
Gnade ist ein zentraler Begriff christlicher Theologie. Als gnädig empfand der Reformator Martin Luther den göttlichen Weltenrichter, der Menschen trotz ihrer Bosheit nicht verurteilt, sondern freispricht. "Rechtfertigung" nannte Luther diesen Vorgang: Gott macht gerecht.
Luthers Rechtfertigungslehre ist der Schlüssel zum Verständnis aller protestantischen Theologie. Aus ihr stammen Unterscheidungen, die heute in der Begnadigungsdebatte hilfreich sind. Zum Beispiel die Unterscheidung von Person und Werk. Gottes Gnade gilt der Person, nicht seinen Taten. Und die Person hat eine Würde (lateinisch: dignitas), auch wenn sie schwers-te Verbrechen begeht. Dieser Begriff aus der christlichen Theologie hat Eingang in den ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes gefunden.
Luther war überzeugt, die göttliche Gnade befreie Menschen davon, sich selbst rechtfertigen zu müssen. Sie erst mache dem Sünder den Weg zur Versöhnung frei. Demnach setzt nicht die Gnade Reue voraus, sondern umgekehrt: Gnade macht Reue überhaupt erst möglich. Es könnte doch sein, dass ehemalige RAF-Terroristen eine Begnadigung als Entgegenkommen anerkennen und im Gegenzug glaubwürdige Zeichen der Reue setzen. Und dass derjenige, der damals auf den Dienstwagen des Generalbundesanwaltes schoss, sich dann endlich offen zu seiner Tat bekennt.
Natürlich wusste Luther, dass sich Menschen von der Gnade Gottes oder gar dem Entgegenkommen anderer Menschen nicht unbedingt erweichen lassen. Kein Richter spricht einen Straftäter in der Hoffnung frei, dass er danach seine Tat bereut und sich bessert, das wäre naiv. Im Bereich staatlichen Handelns gelten daher nicht religiöse, sondern innerweltliche Regeln. Der Staat muss Menschen mit seinen Gesetzen in Schranken weisen und sie bei Verstößen bestrafen. Wobei heute die Strafen überführte Täter resozialisieren sollen. Zudem müssen Inhaftierte unabhängig von der Schwere ihrer Tat die Aussicht haben, nach Verbüßen der Strafe in Freiheit zu leben - sofern sie niemanden mehr gefährden.
Das Gnadenrecht des Bundespräsidenten ist in dieses innerweltliche Recht eingebunden, es dient als Korrektiv gegen
Härten der Rechtsprechung im demokratischen Rechtsstaat. Indem der Bundespräsident einen Mörder begnadigt, kann er selbst einen ersten Schritt auf den Inhaftierten zugehen und ein einseitiges Zeichen der Versöhnung setzen. Er ist in seiner Entscheidung frei. Der Inhaftierte kann ihn weder durch öffentliche Reuebekundungen zum Gnadenspruch zwingen noch durch zur Schau gestellte Unbeugsamkeit daran hindern.
Der Präsident kann sich die Hoffnung zu eigen machen, dass sein Gnadenspruch den Straftäter zu Reue ermutigt. Selbstverständlich kann er aber auch aus pragmatischen Erwägungen vor seiner Entscheidung Zeichen der Reue und des Respekts vor den Opferfamilien verlangen. Zeichen, die ihm erleichtern, eine Begnadigung zu verantworten, und die deutlich machen: Von diesem Inhaftierten geht keine Gefahr für die Gesellschaft mehr aus. Eine notwendige Voraussetzung für die Begnadigung sind solche Zeichen aber nicht.

Burkhard Weitz

Kurt E. Sievers
am 30. Juni 2007 um 20:18
Werden wir alle auferstehen?
Sie schreiben, dass es eine uralte Hoffnung für viele Menschen ist, ewig zu leben.
Wir können Ihnen heute schon versichern, dass die Mehrhei
Kurt E. Sievers
am 27. Juli 2007 um 21:49
Gibt es Gnade ohne Reue?
Jesus sagte zur Ehebrecherin: "Ich verurteile dich auch nicht. Geh hin und sündige nicht mehr."
Wir haben uns immer gefragt, was unser Herr und Heiland gesagt hätte, wenn er die Frau bei zweiten oder dritten Mal getroffen hätte?
Die Schrift unterstellt, dass die Frau bereut hätte, denn sonst wäre auch unsere Frage beantwortet worden.
Man muss also bereuen, denn sonst findet man bei Gott keine Gnade.
Kurt E. Sievers
am 31. Juli 2007 um 17:22
Wie verdient man sich die Gnade Gottes eigentlich?
Durch Tränen, Fasten, Bußübungen, Beichte, oder das Anbeten von Bildern und Schlangen etc jedenfalls nicht.
Da können wir uns auf ein Wort unseres Erlösers berufen.
A. Reinhold
am 21. November 2007 um 13:44
Gnade, die eine Leistung voraussetzt - auch die der Reue -, ist billig.
Gnade ist immer bedingungs- und damit auch voraussetzungslos, sonst ist es keine Gnade, sondern ein Geschäft.
Kurt E. Sievers
am 2. Januar 2008 um 19:18
Gibt es Gnade ohne Reue?
Wenn wir unseren Staat sehen, dann müssen wir feststellen, dass es Gnade ohne Reue gibt.In diesem Land laufen Leute rum, die eine ellenbogenlange Liste mit begangenen Straftaten haben; die folgernd immer länger wird. Dieses marode System setzt keine Reue voraus und wenn man mit dem Mund bereut, dann fällt die Strafe umso geringer aus.
Dieses Rechtssystem schaut im wesentlichen nur auf die Täter und nicht auf die Opfer.
Anders ist es, und hier müssen wir dem Kommentar von A. Reinhold widersprechen, wenn wir von einer geistlichen Reue / Gnade sprechen; , dass es sich um ein "Geschäft" handelt, können wir - dem Sinn nach - noch nachvollziehen.
Jeder kann das "Geschenk" unseres Herrn annehmen; er muss es aber nicht! Die Annahme setzt aber den Glauben voraus. Also, dem Sinn nach, eine Voraussetzung.
Wir können, und ich schreibe in der Pluralform, da ich alle geretteten Christen mit einbeziehe, sehr gut damit leben, dass es einen Bestimmer gibt, auch wenn es sich, wie A. Reinhold es formuliert, um ein Geschäft handelt.
Für jeden geretteten Christen ist es das schönste Geschenk, wenn er Jesus Christus in sein Herz einladen durfte.
Auf dem Nachttisch von Martin Luther lag, als er starb, ein Zettel mit folgender Aufschrift: >>Wir sind alle Bettler, das ist wahr.<<
Darum muss man das säkulare und das geistlich Wollen trennen.
Ich bin ein Bettler vorm Herrn, selbst wenn er mir Vorbedingungen stellt; bin ich gerne bereit, diese zu erfüllen. Also bin ich sogar gerne ein Bettler. Wenn unser Heiland sagt, dass er der Weg ist, bleibt es doch jedem selber überlassen, ob er diesen Weg geht.
Dafür hat Gott uns doch einen freien Willen gegeben.
Wenn jemand das als Geschäft bezeichnet, muss er das mit sich selber abmachen.
Ich bezeichne den Kauf von Ablassbriefen als Geschäft; denn sonst würden mir einige Steine vom Petersdom gehören.
Nein, es bleibt dabei: "Ich muss Gott mehr gehorchen als den Menschen."
Kurt E. Sievers
am 12. Juli 2008 um 22:06
Erst muss die Erkenntnis der Sünde da sein, dann erwacht das Verlangen nach Gnade.
Gelobt sei unser Herr.

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