Was ist Schuld?
Strafrichter und Schiedsrichter haben täglich mit dieser Frage zu tun. Seelsorger auch. Aber ihre Antworten fallen recht unterschiedlich aus
Irgendwann ist das Maß voll. In seinem Brief an dieses Magazin schreibt ein Münchener: „Früher haben die Kirchen einem ein schlechtes Gewissen gemacht, heute geschieht dasselbe im Namen des Klimaschutzes. Das penetrante Vorrechnen von CO2-Werten nervt nur noch. Wie man es dreht und wendet, schuldig wird man letztendlich immer." Dabei ist Herr R. eifrig um den Klimaschutz bemüht. Er bezieht Natur-Strom, hat kein Auto, isst kaum Fleisch. Jetzt kam er drauf: Auch wer Sport macht, stößt mehr CO2 aus. Auch eine Feuerbestattung belastet das Klima. „Irgendwann reicht es, Schuldgefühle eingetrichtert zu bekommen", klagt er.
Was Schuld ist, davon verstehen die Kirchen einiges. Wie man Schuldgefühle, womöglich überzogene, weckt oder „eintrichtert", das ist aber nicht (mehr) ihr Thema. Das gehörte in die Zeiten barocker Bußpredigten oder der schwarzen Pädagogik. Das Ziel aller Seelsorge ist es vielmehr, Sünden zu überwinden, Schuld abzutragen. Dazu gehört allerdings auch, Sensibilität zu wecken in der Frage, wie und gegenüber wem man schuldig wird.
Schuldig macht sich, wer einem anderen Menschen verweigert, was ihm zusteht - materiell oder immateriell. Schuldig im religiösen Sinne macht sich, wer seine Verpflichtungen Gott und den Menschen gegenüber nicht einlöst. Diese doppelte Dimension ist besonders wichtig, und sie macht den Unterschied zum Schuldverständnis des Strafrechts aus.
Im staatlichen Strafrecht steht die Bewertung der Tat im Vordergrund. Wenn Strafrichter von Schuld sprechen, meinen sie damit: Ein Mensch ist mit der Verantwortung für eine rechtswidrige Tat belastet; ihm ist diese Tat vorwerfbar. Das prüfen die Gerichte, außerdem, ob der Täter mit Vorsatz oder fahrlässig gehandelt hat. Die individuelle Schuld im Einzelfall abzuwägen ist das Schwierigste überhaupt im Strafverfahren. Zwar gibt es die im Strafgesetzbuch vorgesehenen Strafrahmen, aber innerhalb dieser Rahmen muss die individuelle Schuld bemessen werden. Ist mit dem Verbüßen der Strafe dann alles erledigt? Nicht unbedingt. Eine Freiheitsstrafe, selbst wenn sie verbüßt ist, wirkt im Strafregister nach. Wird der Täter erneut verurteilt, kann die neue Strafe härter ausfallen. Die alte Schuld hängt ihm also nach, bis der Eintrag gelöscht ist. Etwas Vergleichbares gibt es im kirchlichen Schuldverständnis nicht.
Dass nach christlichem Verständnis eine solche Tat nicht nur das Verhältnis der Menschen untereinander, sondern auch zu Gott in Mitleidenschaft zieht, lässt sich biblisch begründen. Gott hat diese Welt in ihrer Schönheit und Makellosigkeit erschaffen (im Schöpfungsbericht steht: „Und er sah, dass sie gut war"), er hat sich zudem in vielen Situationen als barmherzig und „gerecht" (die biblische Vokabel für „gnädig") erwiesen. Wenn Menschen sündigen, stellen sie sich gegen diese gute Schöpfungs- und Liebesordnung.
In der Bibel finden sich viele weitere Gründe dafür, warum Menschen sich durch ein Delikt auch gegenüber Gott schuldig machen: Es gibt in den biblischen Geschichten Verträge zwischen Gott und Mensch. Solche Verabredungen sind zum Beispiel die Bundesschlüsse nach der Sintflut und am Sinai, wo die Zehn Gebote Gültigkeit erhielten. Zwar verpflichteten sich die Menschen jedes Mal, die Anforderungen Gottes treu zu erfüllen, doch schlugen sie regelmäßig über die Stränge.
Schuld lässt sich nicht einfach wegreden und wegwischen. Um alles in Ordnung zu bringen, müssen die Menschen ihre Tat als falsch erkennen und Gott um die Vergebung ihrer Schuld bitten. Das erleichtert es ihnen zugleich, ihr Verhältnis zu den Mitmenschen zu heilen. Es geht ja meist nicht nur um einen Schadensausgleich im engeren Sinne, Sünden haben viele Folgen. Wer sündigt, streut Zwist, Hoffnungslosigkeit, Lieblosigkeit, schreibt der Berliner Bischof Wolfgang Huber in seinem Buch „Der christliche Glaube": „Er zerbricht die lebendige Beziehung zu Gott, zur Zukunft, zu den Menschen und zu sich selbst." Der Delinquent muss, was ihm oft nicht aus eigener Kraft gelingt, wieder in den Lebensstrom eintauchen. Ihm dabei zu helfen, ist ein zentrales Anliegen der Kirchen.
Eduard Kopp

Kommentare: 5
Denn darin sind die Menschen gleich.Alle sind Sünder und haben nichts aufzuweisen, was Gott gefallen könnte.
Alle!!!
Doch jetzt, durch Jesus Christus, bin ich ein Kind Gottes
Hallelujah !!!
Wenn ich die Gebote Gottes übertrete, habe ich gesündigt und bin schuldig geworden.
Dass Gott mich annimmt ist reine Gnade, ist ein reines Geschenk.
Nehmen wir doch einfach mal den Lieblingsbrief von Martin Luther: Römer 4:5=
Wer keine Leistung vorzuweisen hat, aber dem vertraut, der den Schuldigen freispricht, findet durch sein Vertrauen bei Gott Anerkennung.
Noch nach vielen Jahrtausenden ragen Mo-numente als Trümmer stummer Zeugen gewalti-ger Geschehnisse gen Himmel. Aber alle diese Folgen, die von einer Tat auf der Ebene dieser polaren Welt zurückbleiben, mögen sie nur se-kundenlang sichtbar sein oder „Äonen“ überdau-ern, sind letztendlich doch verwischbar. Irgend-einmal werden auch die hartnäckigsten Zeitzeu-gen erloschen sein. Spätesten bei Beginn des neuen Himmels und der neuen Erde. Zugleich hinterläßt jede boshafte Handlung von uns, eine Zweitspur. Diese liegt auf der Ebene der Ewigkeit in der alles Geschaffene seinen Anfang hat, im Schöpfer. Ich kann durch eine einzige bewußte oder unbewußte Schuldtat Gott entfremdet wer-den. Diese Tat kann das Licht der ewigen Welt für mich verdunkeln. Alle, meine Rede und alle mei-ne Taten speichern sich auf die Festplatte der Ewigkeit. „Dateien wurden geöffnet und die Toten wurden gerichtet nach dem, was an Werken in diesen Dateien gespeichert steht.“ (Übertragen vom Autoren nach Offb. 20; 12)
Der Film des Lebens kann also noch einmal abrol-len für alle die nicht an Christus glauben und in Ihm geborgen sind, dann nämlich, wenn die gottlosen Menschen mit allem, was sie getan haben, offenbar werden vor dem Richterstuhl Gottes.
Diese Zweitspur, die unser Tun auch hinterläßt, ist vor aller Welt und Außenstehenden meist nicht offenbar. Sie wird aber dem Schuldigen in der Aus-einandersetzung mit seinem Gewissen sichtbar. Das ist eine furchtbare Wirklichkeit, die ihn unter Um-ständen zu Depressionen und zur Idiotie treiben kann. Für diese zweite Spur, die unser Tun auch hinterläßt, gelten völlig andere Richtlinien als für die erste Spur. Jesus machte das seinen Jüngern am Beispiel von den Arbeitern im Weinberg deutlich und sagt am Schluß: „So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“ Oder auch am Scherflein von der Witwe. Ein Opfer, das niemand bemerkt hat, ein Vorgang, der für die Welt über-haupt nicht ins Gewicht fällt, von dem nichts in ei-ner Zeitung steht, ja, der in der Welt vielleicht einen vollständigen Fehlschlag darstellt, kann im Gedächtnis der Ewigkeit im vollstem Glanze stehen.
Andererseits kann eine Tat, durch die der Held seinen Namen für alle Zeiten in die Bücher der Ge-schichte eingetragen hat, völlig wertlos sein, wenn der welcher an der Waage der Ewigkeit steht ruft: „Mene mene tekel u-parsin“, das heißt, man hat dich auf der Waage der Ewigkeit gewogen und zu leicht befunden.
Vergessen wir nie: Alle Handlungen, die inner-halb unseres Lebens geschehen hinterlassen zwei Spuren, eine tilgbare und eine unauslöschbare.
Wir alle wissen, was das Gute ist. Es ist uns ins Herz geschrieben worden. Wir wissen auch, was das Böse ist, denn wenn wir es tun, müssen wir die Klage unseres Gewissens erdulden; denn dann geraten unsere geheimsten Gedanken in Aufruhr. Was wir vor der Welt verborgen halten mögen, ist vor Gott nicht verborgen. Er kennt unsere Geheimnisse.
Denn Gott wird uns richten, wenn wir Schuld auf uns geladen haben. Und keiner von uns soll sagen, er wisse nicht, was Schuld ist.