Muss man alles tun, was in der Bibel steht?

Es gibt wahrlich keinen Mangel an Normen und Ratschlägen im Buch der Bücher. Auffallend nur, dass sich manche irgendwie widersprechen

 

Der Bart wurde lang und länger, die Haare ebenso. Der amerikanische Journalist Arnold Stephen Jacobs junior hat es getestet: wie es ist, wenn man streng nach der Bibel lebt. Er hat alle Regeln, die es in der Bibel gibt, herausgeschrieben und sich daran gehalten, hat sich nicht rasiert und hat Sandalen getragen. Mehr als 700 Vorschriften hat Jacobs in der Schrift entdeckt und so streng wie möglich befolgt. Er machte die wohltuende Erfahrung, am Sonntag nichts zu tun, nicht einmal E-Mails zu lesen oder Handygespräche anzunehmen. Und er spürte, dass es ihn innerlich befreite, wenn er weiße Kleidung trug.

Bei seinem Experiment ist er allerdings auch an Grenzen gestoßen. Denn viele Hinweise wie zum Beispiel die detaillierten Opfervorschriften sind längst überholt. Niemand wird ernstlich ein Tier töten und mit ihm ein Dankopfer entfachen „zum lieblichen Geruch für den Herrn". Unhaltbar auch die Methode, Ehebrecher zu steinigen - in Europa gibt es die Todesstrafe Gott sei Dank nicht mehr.

An vielen Ratschlägen und Vorschriften der Bibel halten Christen bis heute fest. Ein christliches Ideal ist zum Beispiel die lebenslange Treue zu einem Partner. Gültig nach wie vor ist auch die Norm, nicht zu lügen, die schon in den Geboten des Alten Testaments enthalten ist. Es gibt auch viele religiöse Ratschläge von bleibender Bedeutung. Das Gebet, das in jedem Gottesdienst gesprochen wird, leiten die Christen aus Jesu Bergpredigt ab, auch dies ein Dokument voller Regeln: „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name" (vgl. Matthäus 6,9-13). Jesus sagt, dass mit diesem Gebet alles gesagt ist, es enthält bleibende Weisungen an die Menschen.

Sich nach diesen Regeln zu richten, leuchtet ein. Anderes kann einem dagegen sauer aufstoßen. Was ist mit der Anweisung des Paulus, dass die Frauen in der Gemeinde schweigen sollen (1. Korintherbrief 14,34)? Müssen sich die Frauen daran halten, weil es „geschrieben steht"? Zumindest Christen, die die Bibel in jeder Hinsicht wörtlich nehmen, leiten daraus ab, dass sich die Frau dem Mann unterordnen soll. In der Bibel gibt es auch die überaus ablehnende Haltung gegenüber Menschen mit anderer sexueller Orientierung, zum Beispiel im Römerbrief des Paulus, wo es heißt: Männer treiben mit Männern Schande und „sie haben den Lohn der Verirrung an sich selbst empfangen" (Römer 1,26-27). Gilt das so für alle Zeiten? Oder müssen wir uns auch hier daran erinnern, dass die Bibel nicht vom Himmel gefallen ist? Sondern dass sie, wie jedes Buch, Verfasser hat, die ihre eigenen Ansichten in den Text einfließen ließen und die geprägt sind von der Gesellschaft, in der sie leben.

Jesus, auf dessen ethische Prinzipien sich der christliche Glaube stützt, hat die jüdischen Gesetze neu gedeutet: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein", hat er gesagt und damit den erhobenen Zeigefinger wieder auf die Pharisäer zurückgelenkt. Überhebliches, moralisierendes Verhalten ist Jesus fern. Als die Schriftgelehrten seine Jünger bei ihm anschwärzen, weil sie am Sabbat „Ähren raufen", verteidigt er sie.

Was ist zu tun, wenn sich Aussagen in der Bibel regelrecht widersprechen? Es wäre zu einfach, die Regeln aus dem Neuen Testament gegen die Gebote des Alten Testaments auszuspielen. Jesus wollte nicht einfach die Gesetzesvorschriften aufheben. Der Evangelist Matthäus betont, dass „kein Jota" davon wegfallen soll, also nicht mal der kleinste Buchstabe des griechischen Alphabets. Dass es richtig ist, sich vom Ehepartner scheiden zu lassen, will Jesus also nicht sagen. Auch nicht, dass der Sabbat keine Bedeutung mehr habe.

Jesus wie Matthäus wissen zu gut, dass Menschen Maximen brauchen, an denen sie sich orientieren. Aber das Entscheidende ist die Menschlichkeit. Sie gibt den Normen unterschiedliches Gewicht. Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht umgekehrt. So auch die Gesetze, die vom Judentum tradiert wurden. Die Zehn Gebote sind ebenfalls nicht in erster Linie als Zwang zu sehen, sondern als Lebenshilfe. Sie halten die Top Ten der Ratschläge fest, die zu einem gelingenden Leben gehören. Wer sich an sie hält, hat gute Chancen, ein Leben zu führen im Einklang mit sich und mit Gott.

Dorothee Kolnsberg


Gab es im Paradies keine Sünden?

Es ist ein Ort der Freiheit und der Unschuld. Sorglos leben die Menschen in den Tag. Bis dieses unbeschwerte Leben sie eines Tages überfordert

 

Zu essen gibt es reichlich. Auf den Bäumen wachsen die schönsten Früchte. Zwar gibt es einiges zu tun im Garten, aber keine mühselige Ackerei. Die Flüsse führen Gold und Edelsteine. Nackt und ungeniert bewegen sich Adam und Eva durch die Welt. Von Sorgen keine Spur. Paradies eben.

Grenzenlose Freiheit. Aber es gibt zwei Ausnahmen. Zwei Bäume sind nach göttlichem Gebot für die Menschen tabu. Würden sie Obst vom „Baum des Lebens" essen, würden sie unsterblich werden. Und äßen sie Früchte vom „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse", könnten sie in Zukunft diese Unterscheidung treffen. 

Diese Verbote, vor allem das zweite, klingen merkwürdig in den Ohren von Menschen, die die Aufklärung als geistige und kulturelle Errungenschaft verstehen. Um die Erkenntnis von Gut und Böse bemühen sie sich ein Leben lang, manche sogar von Berufs wegen: Lehrer, Richter, Eltern, Pfarrer, Philosophen, Politiker. Kann Erkenntnis ernsthaft etwas sein, was Gott den Menschen vorenthält? Wie passt denn das zusammen mit dem vorausgehenden Auftrag Gottes an die Menschen, sich die Erde untertan zu machen? Das können sie doch nur, wenn sie Gut und Böse, Richtig und Falsch unterscheiden können. Alles andere ergäbe ein grandioses Chaos. Doch solche Erkenntnis ist hier nicht gemeint. Auch Gottes zweites Verbot, nämlich vom Baum des ewigen Lebens zu essen, ist heutigen Menschen kaum mehr verständlich. Jeder Arzt kämpft darum, das Leben der Menschen zu erleichtern und zu verlängern. Auch theologisch ist es nicht anrüchig, sich um das ewige Leben zu bemühen. Das gilt doch für Christen als erstrebenswertes Ziel. 

Verbote im Paradies - das scheint ein Widerspruch zu sein. Jedenfalls das Ende der Vermutung, dass dort unbeschwerte Freiheit in jeder Hinsicht herrscht: ein Leben im Überfluss, spielend leichte Arbeit, angstfreie Sexualität, ein Leben im Einklang mit der Natur. Es ist anders. Diese traumhafte Situation dient dramaturgisch vor allem dem Zweck, drohendes Unheil zu illustrieren. Das Paradies wird erst dadurch interessant, dass die Menschen mit ihm überfordert sind. 

Kaum haben Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen, merken sie, dass sie nackt sind. Das ist keine Anspielung auf ihre Sexualmoral. Die Pointe geht anders. Nackt und bloß stehen sie nach der Tabuverletzung vor Gott. Sie wollten Gott ähnlich werden, so viel wissen wie er. Durch ihre Tat ist ihr Verhältnis zu Gott beschädigt. Das ist die eigentliche Sünde.

Diese Nacktheit ist viel grundsätzlicher, viel umfassender als körperliche Blöße. Adam und Eva verbergen sich vor Gott, der - so die biblische Erzählung - in der kühlen Abendluft im Garten spazieren geht und sie eigens aus ihrem Versteck hinter den Bäumen herauslocken muss: „Mensch, wo bist du?"

Gab es im Paradies keine Sünden? Nicht solche, die sich zum Beispiel auf Eigentumsrechte oder die körperliche Unversehrtheit der Menschen bezogen hätten. Denn wenn alles allen gehört, wie könnte man dann etwas stehlen? Wenn niemand Feindschaft empfindet, warum sollte er übergriffig werden? Es gab auch keine Verstöße gegen Gottes Auftrag, die Erde sachgemäß zu verwalten, Pflanzen und Tiere zu hegen und zu pflegen. Es gab - das nebenbei bemerkt - keine sexuellen Verstöße. Denn wer die Paradiesgeschichte der Bibel liest, erfährt: Es gab noch gar kein sexuelles Bewusstsein, geschweige denn die Zeugung von Nachkommen.  

„Mensch, wo bist du?" heißt das Motto des Deutschen Evangelischen Kirchentags, der vom 20. bis 24. Mai 2009 in Bremen stattfindet. Mit dieser Frage rief Gott die Menschen aus ihrem Versteck. Sie sollten sich seinen Fragen und ihrer Verantwortung stellen. Es wird beim Kirchentag viel um die politische und gesellschaftliche Verantwortung der Menschen gehen. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, vier Monate vor der Bundestagswahl, in einer Zeit massiver wirtschaftlicher Turbulenzen sollen sich Männer und Frauen aus der Deckung trauen und sagen, wie sie ihre Verantwortung wahrnehmen wollen. 

In der Paradiesgeschichte ist es die eigene Maßlosigkeit, die den Menschen zum Verhängnis wird. Dies kann, dies muss man gegenwärtig auch wirtschaftlich
sehen. Das Bankensystem hat offensichtlich seine Unschuld verloren. Paradiesische Zustände herrschen allenfalls noch für prämienbegünstigte Manager.

Eduard Kopp 

 


Macht Gott auch das Wetter?

Er lässt die Sonne scheinen und Regen fallen. Er lässt Bäume blühen und Getreide wachsen. Dann schickt er Frost und Hagel, und alles ist kaputt - ein merkwürdiger Gott

Endlich Regen: eine Wohltat nach den Jahren der Trockenheit und der Heuschreckenplagen. Joel, der Prophet des Gerichts, hat nicht viel Schriftliches hinterlassen. Aber das, was er schrieb, lässt keinen Zweifel zu - Umweltkatastrophen und blühende Natur kommen ganz allein von Gott. „Ihr Kinder Zions, freuet euch und seid fröhlich im Herrn, eurem Gott, der euch gnädig Regen gibt und euch herabsendet Frühregen und Spätregen wie zuvor, dass die Tennen voll Korn werden und die Keltern Überfluss an Wein und Öl haben sollen. Und ich will euch die Jahre erstatten, deren Ertrag die Heuschrecken, Käfer, Geschmeiß und Raupen gefressen haben, mein großes Heer, das ich unter euch schickte. Ihr sollt genug zu essen haben..." (Joel 2,23-26).

Sonne und Regen als Lohn aus Gottes Hand, glühende Hitze, Stürme und Insektenbefall als Strafe. Wie die Bibel ist der traditionelle Volksglaube voll von solchen Vorstellungen. Das Sympathische daran: Sie geben dem Gedanken Raum, dass diese Welt sehr viel mehr ist als das, was Menschen erdenken und bewerkstelligen können. Diese Welt ist ein Wunderwerk, mit ihren schönen - und ihren manchmal auch grausamen Seiten. Weniger sympathisch ist die Vorstellung, dass dieser Gott eifersüchtig über das Verhalten der Menschen wacht. Wohlverhalten belohnt er mit üppigen Gaben der Natur, Ungehorsam mit Zerstörung, Hunger, Tod.

Das große theologische Dilemma, das nicht einfach aufzulösen ist: Die Aussagen über den gnädigen oder zornigen „Wettergott" sind in der Bibel so zahlreich und vielfältig, dass sie zu Synonymen für Gottes Gnade und Ungnade geworden sind. Wenn ein Tsunami oder ein Tornado ungezählte Menschenleben sowie Hab und Gut zerstören, dann suchen selbst glaubensdistanzierte Menschen nach religiösen Erklärungen. Ihnen wird intuitiv deutlich: Was ihrem Leben Halt gab und nun weggebrochen ist, verdanken sie nicht sich selbst. Manche mögen an Glück, an glückliche
Fügungen, an „positive Energien", an ein günstiges Schicksal denken. Christen glauben: Niemand kennt die Menschen so gut und kann sich so gut in sie hineinversetzen wie der, der sie erschaffen hat, Gott. Und der kümmert sich um sie.

Aber bis zum Wetter? Darf man Gott für einen duftenden Frühling, einen strahlenden Sommer, einen üppigen sonnendurchtränkten Herbst danken? Muss man ihm dann nicht auch Schneekatastrophen, eine verhagelte Obstblüte, verregnete Sommerferien und bedrohliche Herbststürme zurechnen? Wer die Bibel wörtlich liest, muss das wohl. Fundamentalisten wie die sogenannten Kreationisten tun das. Sie vermissen in der modernen wissenschaftlichen Meteorologie ein wesentliches Element, die Vorsehung Gottes. Viele Ereignisse ließen sich nicht erklären, wenn man den Einfluss Gottes ausblende. Die dahinterstehende Logik: Nur wenn eine göttliche Absicht nicht prinzipiell ausgeschlossen wird, lässt sich möglicherweise erklären, warum ein Blitz in ganz bestimmte Häuser, nicht aber in andere einschlägt. Und warum wohl ist der Blitz ausgerechnet neben dem Jurastudenten Martin Luther eingeschlagen (der sich daraufhin der Theologie zuwandte)?

Dennoch spricht wenig für eine „christliche Meteorologie" im Gewand eines unmittelbaren Eingreifens Gottes in die einzelne Wetterlage. Martin Luther hat genau das Richtige getan, als er nach dem Blitzeinschlag sein Leben auf den Prüfstand stellte und sich um die einzig wichtige Frage kümmerte: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Joel, der Prophet des Alten Testaments, tat genau das Richtige, als er die Bevölkerung ins Gespräch zog und ihr ins Gewissen redete, moralisch und politisch. Eine Heuschreckenplage in Israel, ein Hagelsturm über bayerisch-katholischen Getreidefeldern, ein Tsunami vor den Küsten Sumatras: Sie alle haben natürliche Ursachen. Auch ein blauer Sommerhimmel über blühenden Bergwiesen und ein Regenschauer nach einem heißen Herbsttag lassen sich wissenschaftlich erklären. Aber niemand hindert Menschen daran, sie zum Anlass zu nehmen, sich über sich selbst und ihren Glauben im Klaren zu werden. Und darüber, was Dankbarkeit bedeutet.

Es muss ja beim Wetter nicht gleich so bieder zugehen wie in einer Anekdote aus dem Schweizer Kanton Waadt. Dort verstaltete eine Gemeinde zur Regenabwehr eine Prozession. Plötzlich hagelte es. Geistesgegenwärtig rief der Pfarrer: „Nun haben wir aber zu stark gebetet."

Eduard Kopp


Führe uns nicht in Versuchung,

heißt eine der Bitten im Gebet Jesu, dem Vaterunser. Führt Gott uns wirklich in Versuchung?

 

Der Minister muss sich entscheiden. Soll er das entführte Flugzeug, das auf die Großstadt zusteuert, zum Abschuss freigeben? Alles deutet darauf, dass er Tausenden Menschen das Leben retten kann, wenn er den Tod der 300 Passagiere in Kauf nimmt. Ein typisches ethisches Dilemma: Egal was er tut, der Minister macht sich schuldig. Nicht dass er für eine Fehlentscheidung belangt werden könnte. Aber die Sache wird schrecklich enden und er wird damit leben müssen.

In der Regel fallen ethische Dilemmata weit weniger dramatisch aus. Eine Schülerin überlegt, ob sie die Klassenkameradin, die eine andere auf dem Schulhof geschlagen hat, an den Lehrer verpetzen soll. Jemand ringt mit sich, ob er der Frau seines Freundes erzählen soll, dass der ein Verhältnis mit einer Kollegin hat. Ein Ehepaar wägt ab, ob es die alten Eltern ins Haus holen soll. Für die Alten wäre das gut - aber irgendwann müsste einer beruflich zurückstecken, um die Pflege zu übernehmen, die Söhne müssten sich wieder ein Zimmer teilen . . . Solche Entscheidungen können Schuldgefühle hinterlassen, egal wie sie ausfallen.

„Führe uns nicht in Versuchung", lautet die sechste Bitte des Vaterunsers (Matthäus 6,13). Jesus, von dem dieses Gebet stammt, wurde selbst in Versuchung geführt - nicht von Gott selbst, sondern von dessen Widersacher, dem Teufel (Matthäus 4). Bleibt man in der Vorstellungswelt dieser Geschichte, müsste die Bitte aus dem Vaterunser lauten: Lass nicht zu, dass uns der Teufel zum Bösen verführt. Doch der griechische Urtext lässt keinen Zweifel. Jesus betet: „Führe uns nicht in Versuchung!" Gott selbst soll uns nicht auf die Probe stellen.

„Gott versuchte Abraham", so beginnt die biblische Erzählung von Isaaks Opferung (1. Mose 22). Gott testet Abrahams Treue und lässt ihn einen Altar vorbereiten - Abrahams eigener Sohn soll das Opfer sein. Abraham hat das Messer bereits in der Hand, da sagt der Herr in letzter Sekunde: Nein. War doch bloß eine Prüfung! Eine schreckliche Geschichte, denkt man heute - frühere Generationen mögen sich da kaum gewundert haben. Treuetests galten als normal, man musste doch prüfen, ob das Kind Anweisungen auch folgt, wenn die harte Erzieherhand fern ist. Solche Pädagogik gilt heute zu Recht als hinterhältig. Und kann ein Gott, der Menschen prüft, ein liebender Gott sein?

Dennoch: Früher haben die Menschen die Geschichte von der Versuchung Abrahams als Beispiel für ein ethisches Dilemma gelesen. Gott verlangt einen Gehorsamsbeweis, der ganz unvernünftig und lieblos ist. Manche israelischen Soldateneltern beziehen die Geschichte von Isaaks Opferung auf sich, wenn ihr Kind im Krieg fällt. Sie deuten sie als Entscheidung für ein übergeordnetes Interesse der Gemeinschaft gegen das eigene Wohl.

Doch die biblische Erzählung geht darüber hinaus. Denn Gott führt Abraham in eine Lage, in der es völlig sinnlos scheint, auf ihn zu vertrauen. Abraham hält trotzdem am Glauben fest - und zerbricht daran innerlich, wie der dänische Philosoph Søren Kierkegaard meint. Wer der Auffassung ist, Abraham habe richtig entschieden, weil er blind auf Gott vertraute, verkennt den Zielkonflikt in dieser Geschichte. Denn sie setzt voraus, dass Abraham in seiner Wahl frei ist. Niemand könnte Abraham einen Vorwurf machen, hätte er sich für sein Kind Isaak und gegen Gott entschieden. Das macht die Dramatik seiner Entscheidung aus, in der er die Treue über die Vernunft stellt.

Das ethische Dilemma des Abraham lässt sich sinnbildlich auf selbst erlebte Situationen übertragen. Zunächst muss man den Zielkonflikt als einen solchen erkennen. Wo reiner Pragmatismus oder gedankenloser Gehorsam das gewissenhafte Abwägen verdrängen, flacht das Leben moralisch ab. Da entlässt ein Chef Angestellte, ohne sich Gedanken über ihr Schicksal zu machen. Da sticht jemand den Freund bei einer Bewerbung aus und nimmt den Ärger des Freundes über die entgangene Chance nicht wahr. Wer sein Leben so einrichtet, hält Skrupel für altmodisch und überflüssig.

Innerhalb ihrer historischen Vorstellungswelt beschreibt die Abrahamsgeschichte das Problem des ethischen Dilemmas treffend. Wer am Gottesglauben festhalten und dabei ein gewissenhafter Mensch sein will, kann nur beten, dass er vor Prüfungen wie der des Abraham verschont bleibt.

 

Burkhard Weitz


Wie wird man Messias?

Das hängt davon ab, ob man damit einen jüdischen König oder einen amerikanischen Präsidenten meint


„Messias gesucht. Für die Position eines/r Königs/Königin suchen wir eine kommunikationsstarke Persönlichkeit mit Führungskompetenz und Überzeugungskraft. Er/sie sollte in der Lage sein, Menschen für ihre/seine Visionen zu begeistern und Konflikte zu schlichten. Gefordert wird übermenschlicher Einsatz zum Aufbau einer neuen Gesellschaft. Wunder und Überstunden im göttlichen Auftrag werden nicht extra vergütet."

Wie wird man eigentlich Messias? Heutzutage manchmal schon dadurch, dass man in Zeitungskommentaren dazu hochgeschrieben wird, wie es dem neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama geschieht. Obama müsse bald zeigen: „Kann ein Messias auch regieren?" („Die Zeit"). Journalisten machen „geradezu messianische Hoffnungen" aus, erkennbar daran, dass ein Amerikaner „Kandidat der ganzen Welt" geworden sei („Die Zeit"). Da weht über dem Wahlergebnis auch schnell mal ein „Hauch von Erlösung" („FAS").

Ein Messias im religiösen Sinn ist etwas anderes als ein Mensch, der mit seinem Charisma Menschenmengen begeistert. Einen Messias zeichnet zunächst einmal  eine zugleich religiöse und politische Vision aus, die er im Auftrag und mit Unterstützung Gottes verwirklicht. Messias, wörtlich übersetzt: Gesalbter, ist historisch gesehen meist ein König. Die Salbung bei seiner Inthronisation verleiht ihm geradezu göttliche Autorität, er gilt damit als sakrosankt, also allem politischen Streit und allen Anfeindungen entzogen. Gerade das wird man Obama und der amerikanischen Demokratie nicht wünschen.

Besonders wichtig ist die Fähigkeit eines Messias, die Gesellschaft zu versöhnen. Im Blick auf den Rassismus könnte Obama dies gelingen. Symbolisch hat es sich mit seiner Wahl bereits angekündigt, die politische Realität muss dem nun folgen, zum Beispiel durch bessere Berufs- und Bildungschancen für die Farbigen. Die Versöhnung der Gesellschaft ist in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht eine Riesenaufgabe. Ein Messias aber weckt die Hoffnung, die bestehende Ordnung zu überwinden und an ihrer Stelle eine Ordnung allumfassender Gerechtigkeit und des Glücks zu errichten. Er besiegt die dunklen Mächte und Gewalten, die sich diesen Veränderungen entgegenstellen.

Der Messias, wie ihn die Bibel kennt, ist ein Nachkomme des großen Königs David, von dem auch Jesus von Nazareth abstammen soll. Auch als das davidische Königtum von der politischen Bühne verschwunden war, erlosch die Hoffnung auf einen solchen Gesalbten nicht, sie war jetzt aber nicht mehr beschränkt auf Mitglieder dieses Königshauses. Juden hoffen weiter auf einen Messias. „Die jüdische Messias­erwartung ist die eines irdischen Herrschers geblieben, der die konkrete Welt ideal umgestalten wird, dessen Kommen aber noch aussteht", vermerkt das „Wörterbuch des Christentums".

Und im Christentum? Im Neuen Testament wurde die Bezeichnung zu einer Bekenntnisformel: Kein zukünftiger König, sondern ein Bußprediger, aller Königsmacht abhold, erhielt diesen Titel. Allerdings stritten sich Generationen von Bibelwissenschaftlern darüber, ob Jesus für sich selbst in Anspruch nahm, Messias, oder - was als Hoheitstitel dasselbe bedeutet - „Menschensohn" zu sein. Heute ist es weitgehend unstrittig: Von einem Messias Jesus ist erst seit der Auferstehung die Rede, er selbst ließ sich so nicht nennen. Bereits vor sechzig Jahren brachte es der Theologe Rudolf Bultmann so auf den Punkt: „Jesus ist nicht als König aufgetreten, sondern als Prophet und Rabbi. Nichts von der Macht und Herrlichkeit, die nach jüdischer Vorstellung den Messias charakterisiert, ist im Leben Jesu verwirklicht."

Zum christlichen Glauben gehört im Kern die Passion Jesu. Jesus hat, anders als ein herkömmlicher Messias, nicht nur sein Augenmerk auf die Schwächsten der Gesellschaft gerichtet - er teilte ihr Leben. Er überwand die gesellschaftlichen Gräben, indem er bei den Geächteten und den Kranken lebte. Dafür hat der neue Messias im Weißen Haus, trotz seines Programms der nationalen Aussöhnung, weder Zeit noch Gelegenheit. Und dass er im direkten Auftrag Gottes handele, wird er sicherlich auch nicht denken.

Eduard Kopp

 


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