Krippe, Stall, Hirten?

Gottes Wort und Jesu Leben, das ist eine Geschichte vom Dorf, aus einer längst vergangenen Welt. Doch haben diese Geschichten auch etwas mit uns zu tun?

 

So ein Landei aber auch! „Amar", sagte der Galiläer auf dem Jerusalemer Markt, „amar" wolle er haben. Unverständlich und urkomisch fanden das die Leute: „Was willst du? Etwas zum Reiten (chamãr, Esel), zum Trinken (chamar, Wein), zum Anziehen (‘amar, Wolle) oder zum Opfern (immar, Lamm)?" Die Anekdote aus dem Talmud, dem jüdischen Kommentarwerk zur Bibel, zeigt: Offenbar sprachen die Bewohner des ländlichen Galiläa die Kehllaute im Aramäischen nicht richtig aus. Und Städter aus Jerusalem fanden das zum Totlachen. Auch der Jünger Simon Petrus sprach diesen Dialekt (Matthäus 26,69ff.): „Du bist bestimmt auch einer von denen", sagte die Magd des Hohepriesters nach Jesu Verhaftung – einer von denen aus Galiläa. Sie war wohl ähnlich herablassend wie die Leute vom Markt.

Städter sind gut informiert, bei ihnen kommen neue Moden und technische Entwicklungen schneller an. Ihr Umland wirkt dagegen traditionell, manche sagen: rückständig. Wohl auch deshalb hielten sich Städter schon immer für etwas Besseres. „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!", rief Nathanael, als er noch unterm Feigenbaum saß und ihm Philippus von Jesus vorschwärmte (Johannes 1,46). Nathanael war zwar Galiläer. Doch stammte er aus Betsaida, einer Siedlung am See Genezareth, und nicht aus so einem Paar-Hundert-Seelen-Kaff wie Nazareth.

Jesusgeschichten sind Geschichten vom Land. Nazareth war eine Häuseransammlung in der Nähe der prächtigen hellenistischen Stadt Sepphoris, die die Bibel mit keiner Silbe erwähnt. Jesu Vater war einfacher Handwerker. Der Kirchenchronist Hegesipp, der hundert Jahre nach Jesus lebte, berichtet von Enkeln von Jesu Bruder Judas. Als Kleinbauern bewirtschafteten sie 39 Morgen Land. Weil sie sich als Nachfahren des jüdischen Königs David ausgaben, wurden sie gerichtlich angezeigt und vor Kaiser Domitian geführt. Domitian sah ihre Schwielen an den Händen, sie waren arme Leute vom Land. Er verurteilte sie nicht, er verachtete sie bloß.

Jesus war kein Eremit, ihn zog es nicht bloß in die Abgeschiedenheit der Wüste. Er suchte Menschen in ihren Siedlungen auf. Er wohnte beim Fischer Simon Petrus in Kapernaum am See Genezareth und wanderte von dort durch kleine Orte wie Magdala, Chorazim und Betsaida. Insofern sind Geschichten von Jesus tatsächlich Geschichten vom Dorf. Jesus erzählte auch selbst vom ländlichen Leben, das alles andere als idyllisch war. Seine Gleichnisse handeln von Pächtern und ihren verhassten Herren, von Schuldnern und verschlagenen Knechten, von Landwirten, denen ein Teil der Ernte verwelkt und verdorrt, und vom reichen Kornbauern, der frühzeitig stirbt. Wie seine Zeitgenossen glaubte Jesus, ein schreckliches Gottesgericht stehe bevor. Und doch verbreitete er Hoffnung, predigte Gottvertrauen, heilte und stiftete andere zu Menschenliebe an.

Der Evangelist Lukas sieht in Jesus den Heiland der Armen, der Chancenlosen. Er lässt seine Geburt unter den Outlaws der Antike stattfinden, unter Hirten. Es sind schmierige, wenig vertrauenerweckende Gestalten, die sich an der Futterkrippe in Bethlehem einfinden. Die Geschichte von Jesu Geburt ist eine Legende, mit ihr will der Evangelist seinem bürgerlichen Publikum klarmachen: Mit idyllischem Landleben hatte Jesu Botschaft nichts zu tun.

Zu allen Zeiten haben Prediger dies in Erinnerung zu rufen versucht. Franz von Assisi stellte eine Krippe auf, um seinen Zeitgenossen bildlich vor Augen zu führen, wie erbärmlich es bei Jesu Geburt zugegangen sein muss. Heute sammeln die Kirchen zu Weihnachten für Brot für die Welt und Misereor, um an Menschen zu erinnern, denen es ähnlich geht.

Jesusgeschichten spielen nicht auf dem Land, weil es abgeschieden und rückständig ist. Sondern weil dort die Armen lebten, denen Jesus Hoffnung gab. Die Tagelöhner auf den großen Latifundien und die Kleinbauern auf ihren kargen Schollen. Leute, die kein Geld für Bildung übrig hatten. Käme Jesus heute nach Deutschland, hielte er sich vielleicht woanders auf. Vielleicht in Hochhäusern, in denen Fahrstühle zerstört und Haustüren eingetreten sind. Wo Kinder ohne Frühstück zur Schule gehen und Junkies sich unterm Spielgerüst die Spritzen setzen. Er würde einsame Alte besuchen, verwahrloste Kinder heilen und in Kleinkriminellen Menschen mit Potenzial sehen. Und manche der Reichen aus den Villenvororten würden ihn und die, mit denen er Umgang hat, verachten.

Burkhard Weitz


Was ist eine Sekte?

Manchmal geht es nur um ein paar kleine Geheimnisse. Oder darum, wie man die Bibel liest. Doch spätestens dann, wenn dieser Glauben die Freiheit vertreibt, ist Kritik gefragt 

 

Allein schon der Name: „Sonnentempler“! Eine religiöse Gruppe dieses Namens machte Mitte der Neunziger Schlagzeilen. In Erwartung eines anderen, eines besseren, lichten Lebens griffen sie dem befürchteten Weltuntergang vor: Insgesamt 74 Menschen in der Schweiz, in Frankreich und Kanada legten Hand an sich selbst oder an andere. Sie taten dies in der Erwartung, der Tod sei leicht zu bewältigen, der Lohn des Sterbens ein neuer Bewusstseinszustand. 

Eine Sekte im umgangssprachlichen Sinn: eine religiöse Gruppierung, die Emotionen und Fantasie der Menschen anregte. Und ein Vorfall, der alles hatte, was Journalisten lieben: geheimnisvolle Umtriebe, gepaart mit Erlösungs- und Verschwörungsfantasien; autoritär-charismatische Führergestalten, die radikale Disziplin und Unterwerfung fordern; eine selbst gewählte Distanz zur Öffentlichkeit. So versteht man eine Sekte im landläufigen Sinne, als Gruppierung, mit der man sich als moderner, demokratisch gesinnter, religiös mündiger Mensch besser nicht einlässt. Fällt in den Medien der Begriff Sekte, dann oft in der Bedeutung:  Hier geben sich Menschen einem Irrglauben hin, der sie selbst und andere in Gefahr bringt und die Freiheitsrechte grob verletzt. Es ist ein Begriff mit klar negativer Bedeutung.

Auch die Kirchen benutzen diesen Begriff. Die lutherischen Kirchen in Deutschland veröffentlichen in regelmäßigen Abständen neue Auflagen ihres „Handbuchs Religiöse Gemeinschaften“, in dem sie auch Sekten auflisten, darunter die Neuapostolische Kirche, die Zeugen Jehovas und die (anthroposophische) Christengemeinschaft. Ganz anders als im umgangssprachlichen Sinn bezeichnet hier eine Sekte konfessionelle Unterschiede. Es geht um Differenzen in der Lehre, zum Beispiel im Verständnis des Evangeliums. Die Kirchen legen Wert darauf, dass sie das Wort rein deskriptiv, nicht wertend benutzen.

Das Bundesverfassungsgericht seinerseits entschied im Jahr 2002, dass die Osho-Bewegung (der frühere Bhagwan-Kult), die 1984 Salmonellen-Anschläge auf die Bevölkerung von The Dalles, Oregon, USA, verübte, durchaus als Sekte bezeichnet werden durfte, denn eine Abwertung sei damit nicht verbunden. Dieser Begriff, so wird schnell klar, hat sehr unterschiedliche Bedeutungen.

Die ursprüngliche reicht in die Antike zurück. Abgeleitet aus dem lateinischen „sequi“, „folgen“, ist eine Sekte nichts anderes als eine Gefolgschaft. Sekten in diesem Sinn waren religiöse, philosophische oder politische Gruppen, die sich um einen Führer scharten. Nicht zuletzt war das Christentum selbst eine jüdische Sekte, die der „Nazarener“. 

Auch der entsprechende griechische Begriff für Sekte – „hairesis“, die „Häresie“, wörtlich „Denkweise, Wahl“ – bezeichnet zunächst nur eine philosophische oder religiöse Schule, ohne sie einer pauschalen Abwertung zu unterziehen. In der Apostelgeschichte des Neuen Testaments werden so zum Beispiel wichtige jüdische Religionsparteien als häretisch bezeichnet: die der Pharisäer und der Sadduzäer. 

Zur Kriminalisierung der Sekten kam es im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Kaiser Friedrich II., Triebfeder der Inquisition, sanktionierte im frühen 13.  Jahrhundert Ketzer- und Sektierertum mit Ächtung und Tod. Sektierer waren also nicht nur theologische Irrlehrer, die die Einheit der Kirche beschädigten, sondern zugleich „Verbrecher gegen den Staat“ (Paul Tillich). In der Reformationszeit gelten als Sekten die Religionsgemeinschaften, denen die staatskirchenrechtliche Anerkennung fehlt – die also weder katholisch noch lutherisch oder, später, reformiert waren. Als das Staatskirchentum 1919 endete, gab es auch keine Sekten mehr, jedenfalls nicht im staatskirchenrechtlichen Sinne.

Zwar hält sich in der Soziologie und in der Konfessionskunde der Begriff der Sekte noch etwas, aber er verliert an Bedeutung. Es gibt sicherlich bessere Wege zu beschreiben, wie religiöse Gruppen in Spannung und Widerspruch zu ihrer Umwelt stehen. Der Begriff der Sekte wird sich wohl nie ganz aus dem Gestrüpp moralischer Werturteile befreien. So wäre es besser, ganz auf ihn zu verzichten. 

Eduard Kopp


Erzählt die Bibel lauter Mythen?

Die Menschen der Antike liebten Fantasiegeschichten. Über Götter und Fabelwesen, über Ungeheuer und Kugelmenschen. In der Bibel geht es etwas anders zu

Mutter Gaia (Erde) hat es so gewollt. Sie reicht ihrem Sohn Kronos die Sichel. Der wartet, bis sich Vater Uranos (Himmel) bei seinem nächsten Liebesakt über die Gaia ausbreitet. Dann schwingt Kronos das scharfe Eisen und trennt Uranos’ Penis ab. Im hohen Bogen fällt er zu Boden. Blut fließt auf die Erde. Ihm entsteigen die Erinnyen, die Rachegöttinnen.

Unmöglich, ohne jeden erzieherischen Wert fand der Philosoph Platon diese Erzählung! Der Mythos von Kronos wird sogar noch wüster. Später vergewaltigt er seine Schwester Rheia. Sie gebiert Kinder und setzt sie ihm au f die Knie. Doch er frisst sie alle auf. Ihr nächstes Kind, Zeus, versteckt Rheia auf Kreta und gibt Kronos stattdessen einen in Windeln gewickelten Stein zum Fraß. Zeus wächst heran, und schließlich besiegt er Kronos, der erst den Stein und dann die übrigen Kinder wieder ausspeien muss.

Erzählungen (griechisch: Mythen) wie diese dürften Unverständige und Kinder eigentlich gar nicht hören, lässt Platon seinen Lieblingsdenker Sokrates sagen. Wer genötigt werde, sie doch zu erzählen, dürfe nur wenige Zuhörer zulassen! Sie müssten Verschwiegenheit versprechen! Und geopfert haben, „und zwar nicht bloß ein Schwein, sondern ein großes und schwer zu erschwingendes Opfer – damit es möglichst wenige zu hören bekämen".

Platon lehnte Mythen nicht prinzipiell ab. Er dachte sich sogar selbst welche aus: den Mythos vom versunkenen Reich Atlantis. Und den vom Kugelmenschen, der zu Mann und Frau zerbricht und sich wieder vereinen will. Lehrreich sind seine Mythen – und nur begrenzt unterhaltsam.

Dennoch nahmen Juden und Christen Platons Mythenkritik begeistert auf. Kein Wunder: Göttersagen wie die der alten Griechen gibt es in der Bibel nicht. Fabelwesen wie das Meeresungeheuer Leviathan und der Urdrache Rahab treten nur am Rande auf. Engel in Gestalt überirdischer Wesen kommen (abgesehen von den Legenden um Jesu Geburt) eher selten vor. Richtig fantastisch wird es erst in den Visionen der Propheten und apokalyptischen Seher. So sind eben Visionen.

Mythos heißt übersetzt Erzählung. Mythen sind Science-Fiction der Antike. Sie geben Einblicke in menschliche Abgründe. Sie erzählen von dem zu sinnlosem Tun verdammten Sisyphus und vom unausweichlichen Schicksal des Ödipus, der den Vater töten und die Mutter heiraten muss. Sie sind Konzentrate menschlicher Grenzerfahrungen – an keine historische Zeit gebundene, erdachte Geschichten.

In diesem Sinne sind die biblischen Erzählungen keine Mythen. Denn sie beanspruchen, erlebte Geschichte zu erzählen. Nicht wie Historiker sie heute erforschen: objektiv und auf nachprüfbare Fakten gestützt. Die biblischen Erzähler ergreifen Partei, sie belehren und bewerten, manche berichten von großen Verheißungen. Und was sie berichten, ist oft so von Legenden überwuchert, dass der historische Anlass kaum noch zu erkennen ist.

Mose führt ein riesiges Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit und hält dabei einen Pharao mit seinem ganzen Heer zum Narren. Natürlich ist die Schilderung maßlos übertrieben, nichts davon findet sich in den ägyptischen Annalen wieder. Dennoch hatte sie aller Wahrscheinlichkeit nach ihren Ursprung in einer realen Begebenheit – als Gesetzlose und Sklaven dem Machtbereich des Pharaonenreiches entkamen. Die Autoren der Bibel stilisieren diese Befreiung zum nationalen Symbol, sie machen sie zu Israels Urerlebnis – und in diesem Sinne auch zu einem Mythos für alle Entrechteten, zum Konzentrat menschlicher Erfahrung. „Go down, Moses" sangen Amerikas Sklaven: „Geh zum Pharao, Mose, und sag ihm: Lass mein Volk frei!"

Nach elf Kapiteln mit Sagen aus der Urzeit erzählt die Bibel, wie das Volk Israel entsteht, sich ein Königreich erkämpft und dann alles verspielt. Sie archiviert düstere Prognosen von Unheilspropheten, die kultische Vergehen und soziale Ungerechtigkeit im eigenen Volk anprangerten – und eher selten Heil versprachen. Und sie verkündet den Wanderprediger Jesus von Nazareth, das „Ebenbild des unsichtbaren Gottes" (Kolosser 1,15).

Auch wenn die Bibel ihren historischen Stoff sehr ungenau wiedergibt: Sie schildert nicht Typen, sondern Individuen und deren folgenreiche Entscheidungen, richtige wie falsche. Es geht in ihr nicht um Mythen. Die Bibel erzählt, vor allem aber deutet sie reale Geschichte.

Burkhard Weitz


Sind Christen körperfeindlich?

Oder ist das nur ein Vorurteil? So viel steht fest: Christen haben eine ganz spezielle Einstellung zum menschlichen Körper

 
„Christen müssen artig sein. Keine Party, keinen Wein. Ein Bein, das sich zum Tanzen hebt, wird im Himmel abgesägt!" Das hessische Musikerduo Superzwei brachte diesen Songtext auf die Bühne. Die Pointe von den körperfeindlichen Christen zieht noch immer. Ein Zeichen dafür, dass irgendwo im Christentum, wenn auch nicht immer und überall, lust- und körperfeindliche Traditionen überlebt haben? Oder dass nur dieses Vorurteil überlebt hat?

Vielleicht finden manche Christen den freien Umgang mit ihrem Körper tatsächlich schwierig. Der Saarbrücker Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl berichtete – im Blick auf katholische Christen –, dass in Beichtgesprächen am allerhäufigsten die Rede auf verschiedene sexuelle Verfehlungen und körperliche Maßlosigkeiten aller Art kommt. Erst danach folgen bei den Bekenntnissen soziale Sünden aller Art. Möglicherweise ist das ein Spiegel der tatsächlichen Verfehlungen – oder nur der Vermutungen, was Pfarrer hören wollen.

Der Körper ist ein großes Thema in und außerhalb der Kirchen. Ärzte, Zeitschriftenverlage, Fitnesszentren verdienen heute ein Heidengeld damit, Menschen ihrem Idealkörper näher zu bringen. Die Kirchen sind besonders motiviert, zu einem positiven Körperverständnis beizutragen: Seit Anfangszeiten gilt die Aufforderung des Paulus: „Wisst ihr denn nicht", schreibt er, „dass euer Körper der Tempel des heiligen Geistes ist?" (1. Korintherbrief 6,19)

Die griechischen Denker haben dem Körper eine andere Rolle zugewiesen. Dem Philosophen Platon zum Beispiel galt der Körper als Gefängnis der Seele. Diese Seele als das Eigentliche, Wesentliche war physisch, sinnlich nicht fassbar. Im ursprünglichen, biblischen Christentum hat es solch eine Trennung nicht gegeben. Eine der schönsten Körper-Geschichten im Neuen Testament ist die von einer Frau, die Jesus unerwartet mit einem teuren Salböl übergoss, und er ließ es sich gern gefallen.

Der nordafrikanische Kirchenvater Augustinus (354–430) hatte sich nach Jahren eines losen Lebenswandels für längere Zeit als Mönch zu Arbeit und Gebet aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seine asketische Lebensweise, später auch die der Mönchsorden und die Ehelosigkeit des Klerus könnten manche Christen beeinflusst haben, denen der eigene Körper eher im Wege steht.

Die evangelische Kirche hingegen kennt keine Zölibatspflicht für Geistliche und keine Keuschheitspflicht für Mönche – sofern man im Blick auf die evangelischen Kommunitäten überhaupt von Mönchsgemeinschaften sprechen will. Freiwilligkeit wird in der evangelischen Kirche großgeschrieben. Zugleich ist die in der Reformation wiederentdeckte Freiheit der Christen auch eine Rückkehr zu den biblischen Prinzipien der Lebensbejahung.

Warum ist das Christentum geradezu eine körperliche Religion? Das hängt schon mit seiner Entstehungsgeschichte zusammen. Im Zentrum des Glaubens steht ein Gott, der Mensch geworden ist, theologisch gesprochen: inkarniert wurde, „Fleisch wurde". Anders als im Islam, wo sich Gott nur über seine Propheten Gehör verschafft, begibt sich der Gott des Christentums in der Person Jesu in die Welt. Er ist fähig zu Freude und Leid, zu Lust und Schmerz, Liebe und Angst. Er lacht und weint. Er hat Hunger. Er ist verzweifelt. Er stirbt unter Qualen. Er lebt das ganze volle Leben mit seinen Licht- und Schattenseiten.

Dass das Christentum eine körperliche Religion ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass in ihm neben der Seel-Sorge auch die Körper-Sorge großgeschrieben wird: Arme erhalten Unterstützung, Kranke Pflege, Alte werden betreut, Tote begraben. Gerade wenn es um die Bedürftigkeit des Menschen geht, sprechen Theologen auch vom Leib des Menschen: Der Leib ist es, der oft alle Aufmerksamkeit und Für- sorge verdient. Er ist, wie die Theologin Theresia Heimerl schreibt, „das theologisch korrekte Gegenstück zum Hochglanz-Körper der Medienwelt: heil, ganz, Wohlfühlen und erfülltes Sexualleben versprechend".

Am ehesten kann man das Körpergefühl der Christen so beschreiben: Weder folgen sie plakativen Idealen, noch lassen sie sich durch etliche rigide Normen einschränken. Sie betrachten den Körper als ein Geschenk, mit dem sie bedacht umgehen.

Eduard Kopp


Kann man glauben lernen?

So viel und so wenig, wie man lernen kann, zu lieben und zu hoffen. Aber man kann dem Glauben eine Chance geben

 

Kann man lieben lernen? Zumindest kann und sollte jeder lernen, wie man eine Partnerschaft pflegt: indem man auf Vorwürfe verzichtet, für Fehler um Entschuldigung bittet und dem Partner verzeiht. Indem man Konflikte mit Worten löst, zuhört und offen über Sex und Geld redet. Und indem man die Persönlichkeit des anderen akzeptiert, wie sie ist.

So steht es in psychologischen Ratgebern. Dennoch: Selbst wer all diese Ratschläge befolgt, liebt noch lange nicht. Es ist Liebe, wenn man bei allem, was man für den Partner tut, einem Impuls der Zuneigung folgt. Und den lernt man nicht. Man kann sich bemühen, dass die Liebe eine Chance hat. Doch was man eigentlich „Liebe" nennt, fällt einem zu - oder nicht.

Kann man glauben lernen? Dazu muss man sich erst darüber verständigen, was Glaube überhaupt ist. Für die hebräisch- und griechischsprachigen Menschen des Alten und Neuen Testaments war das ein ganz anderes Thema als für uns. Das hebräische Wort für Glaube, ämunah, und das griechische Wort pistis können auch „Treue" oder „Wahrhaftigkeit" bedeuten.

Anders als moderne Menschen fragten sich die Menschen der Bibel nicht, ob es einen Gott gibt. Sie setzten Gottes Existenz voraus. Glaube hieß für sie, Gott treu zu sein und sich an seine Gebote zu halten: dass man Gedemütigte tröstet, zu Fremden gastfreundlich ist und Notleidenden hilft. Im Deutschen nennt man den Gottesfürchtigen daher fromm - was ursprünglich hieß, dass man ihn an seiner Rechtschaffenheit und Unbescholtenheit erkennt.

Ein in diesem Sinn gottesfürchtiger Mensch zu sein - das kann man lernen. Zum Beispiel, indem man Menschen Aufmerksamkeit schenkt, auch wenn sie die eigene Tagesplanung mit ihren Problemen durchkreuzen und Zeit beanspruchen, die man angenehmer verbringen könnte.

Wer sich mit netten Menschen umgibt, zu denen er immer freundlich ist, mag unbescholten sein. Aber deswegen glaubt er noch lange nicht. Vielleicht ist er ja nur aus purem Eigennutz so! „Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet?", fragt Satan den Allerhöchsten (Hiob 1,9-10): „Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: Was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen!" Nur solange es ihm gutgeht, werde Hiob gottesfürchtig sein, unterstellt der himmlische Ankläger.

Tatsächlich kann es desto schwieriger werden, Gott für sich zu entdecken und treu zu bleiben, je verzweifelter die eigene Lage ist. Das biblische Buch Hiob beschreibt die Not als Testfall, an dem sich zeigt, wie es um Hiobs Glauben wirklich bestellt ist. Glaube immunisiert nicht gegen das Elend. Er kann verhindern, dass einen die Not verbittert. Er kann sich als Hoffnung, Lebensmut und Widerstandsgeist zeigen, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. So ein Glaube lässt sich nicht lernen, er ist dann einfach da.

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer beschrieb seinen Glauben im Widerstand gegen die Nazis so: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum (Schicksal) ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet."

Man kann sich solche Worte einprägen. Man kann versuchen, der Zusage zu vertrauen, dass Gott auch aus dem Bösesten Gutes schaffen kann und will. Aber man kann nur hoffen, dass man dann aus allem das Beste macht. Und dass im Ernstfall in einem wirklich die nötige Widerstandskraft dafür heranwächst. Man kann nur beten, dass man den Glauben hat, wenn es auf ihn ankommt. Erzwingen kann man ihn so wenig wie die Liebe.

Burkhard Weitz


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