Erzählt die Bibel lauter Mythen?

Die Menschen der Antike liebten Fantasiegeschichten. Über Götter und Fabelwesen, über Ungeheuer und Kugelmenschen. In der Bibel geht es etwas anders zu

Mutter Gaia (Erde) hat es so gewollt. Sie reicht ihrem Sohn Kronos die Sichel. Der wartet, bis sich Vater Uranos (Himmel) bei seinem nächsten Liebesakt über die Gaia ausbreitet. Dann schwingt Kronos das scharfe Eisen und trennt Uranos’ Penis ab. Im hohen Bogen fällt er zu Boden. Blut fließt auf die Erde. Ihm entsteigen die Erinnyen, die Rachegöttinnen.

Unmöglich, ohne jeden erzieherischen Wert fand der Philosoph Platon diese Erzählung! Der Mythos von Kronos wird sogar noch wüster. Später vergewaltigt er seine Schwester Rheia. Sie gebiert Kinder und setzt sie ihm au f die Knie. Doch er frisst sie alle auf. Ihr nächstes Kind, Zeus, versteckt Rheia auf Kreta und gibt Kronos stattdessen einen in Windeln gewickelten Stein zum Fraß. Zeus wächst heran, und schließlich besiegt er Kronos, der erst den Stein und dann die übrigen Kinder wieder ausspeien muss.

Erzählungen (griechisch: Mythen) wie diese dürften Unverständige und Kinder eigentlich gar nicht hören, lässt Platon seinen Lieblingsdenker Sokrates sagen. Wer genötigt werde, sie doch zu erzählen, dürfe nur wenige Zuhörer zulassen! Sie müssten Verschwiegenheit versprechen! Und geopfert haben, „und zwar nicht bloß ein Schwein, sondern ein großes und schwer zu erschwingendes Opfer – damit es möglichst wenige zu hören bekämen".

Platon lehnte Mythen nicht prinzipiell ab. Er dachte sich sogar selbst welche aus: den Mythos vom versunkenen Reich Atlantis. Und den vom Kugelmenschen, der zu Mann und Frau zerbricht und sich wieder vereinen will. Lehrreich sind seine Mythen – und nur begrenzt unterhaltsam.

Dennoch nahmen Juden und Christen Platons Mythenkritik begeistert auf. Kein Wunder: Göttersagen wie die der alten Griechen gibt es in der Bibel nicht. Fabelwesen wie das Meeresungeheuer Leviathan und der Urdrache Rahab treten nur am Rande auf. Engel in Gestalt überirdischer Wesen kommen (abgesehen von den Legenden um Jesu Geburt) eher selten vor. Richtig fantastisch wird es erst in den Visionen der Propheten und apokalyptischen Seher. So sind eben Visionen.

Mythos heißt übersetzt Erzählung. Mythen sind Science-Fiction der Antike. Sie geben Einblicke in menschliche Abgründe. Sie erzählen von dem zu sinnlosem Tun verdammten Sisyphus und vom unausweichlichen Schicksal des Ödipus, der den Vater töten und die Mutter heiraten muss. Sie sind Konzentrate menschlicher Grenzerfahrungen – an keine historische Zeit gebundene, erdachte Geschichten.

In diesem Sinne sind die biblischen Erzählungen keine Mythen. Denn sie beanspruchen, erlebte Geschichte zu erzählen. Nicht wie Historiker sie heute erforschen: objektiv und auf nachprüfbare Fakten gestützt. Die biblischen Erzähler ergreifen Partei, sie belehren und bewerten, manche berichten von großen Verheißungen. Und was sie berichten, ist oft so von Legenden überwuchert, dass der historische Anlass kaum noch zu erkennen ist.

Mose führt ein riesiges Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit und hält dabei einen Pharao mit seinem ganzen Heer zum Narren. Natürlich ist die Schilderung maßlos übertrieben, nichts davon findet sich in den ägyptischen Annalen wieder. Dennoch hatte sie aller Wahrscheinlichkeit nach ihren Ursprung in einer realen Begebenheit – als Gesetzlose und Sklaven dem Machtbereich des Pharaonenreiches entkamen. Die Autoren der Bibel stilisieren diese Befreiung zum nationalen Symbol, sie machen sie zu Israels Urerlebnis – und in diesem Sinne auch zu einem Mythos für alle Entrechteten, zum Konzentrat menschlicher Erfahrung. „Go down, Moses" sangen Amerikas Sklaven: „Geh zum Pharao, Mose, und sag ihm: Lass mein Volk frei!"

Nach elf Kapiteln mit Sagen aus der Urzeit erzählt die Bibel, wie das Volk Israel entsteht, sich ein Königreich erkämpft und dann alles verspielt. Sie archiviert düstere Prognosen von Unheilspropheten, die kultische Vergehen und soziale Ungerechtigkeit im eigenen Volk anprangerten – und eher selten Heil versprachen. Und sie verkündet den Wanderprediger Jesus von Nazareth, das „Ebenbild des unsichtbaren Gottes" (Kolosser 1,15).

Auch wenn die Bibel ihren historischen Stoff sehr ungenau wiedergibt: Sie schildert nicht Typen, sondern Individuen und deren folgenreiche Entscheidungen, richtige wie falsche. Es geht in ihr nicht um Mythen. Die Bibel erzählt, vor allem aber deutet sie reale Geschichte.

Burkhard Weitz


Sind Christen körperfeindlich?

Oder ist das nur ein Vorurteil? So viel steht fest: Christen haben eine ganz spezielle Einstellung zum menschlichen Körper

 
„Christen müssen artig sein. Keine Party, keinen Wein. Ein Bein, das sich zum Tanzen hebt, wird im Himmel abgesägt!" Das hessische Musikerduo Superzwei brachte diesen Songtext auf die Bühne. Die Pointe von den körperfeindlichen Christen zieht noch immer. Ein Zeichen dafür, dass irgendwo im Christentum, wenn auch nicht immer und überall, lust- und körperfeindliche Traditionen überlebt haben? Oder dass nur dieses Vorurteil überlebt hat?

Vielleicht finden manche Christen den freien Umgang mit ihrem Körper tatsächlich schwierig. Der Saarbrücker Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl berichtete – im Blick auf katholische Christen –, dass in Beichtgesprächen am allerhäufigsten die Rede auf verschiedene sexuelle Verfehlungen und körperliche Maßlosigkeiten aller Art kommt. Erst danach folgen bei den Bekenntnissen soziale Sünden aller Art. Möglicherweise ist das ein Spiegel der tatsächlichen Verfehlungen – oder nur der Vermutungen, was Pfarrer hören wollen.

Der Körper ist ein großes Thema in und außerhalb der Kirchen. Ärzte, Zeitschriftenverlage, Fitnesszentren verdienen heute ein Heidengeld damit, Menschen ihrem Idealkörper näher zu bringen. Die Kirchen sind besonders motiviert, zu einem positiven Körperverständnis beizutragen: Seit Anfangszeiten gilt die Aufforderung des Paulus: „Wisst ihr denn nicht", schreibt er, „dass euer Körper der Tempel des heiligen Geistes ist?" (1. Korintherbrief 6,19)

Die griechischen Denker haben dem Körper eine andere Rolle zugewiesen. Dem Philosophen Platon zum Beispiel galt der Körper als Gefängnis der Seele. Diese Seele als das Eigentliche, Wesentliche war physisch, sinnlich nicht fassbar. Im ursprünglichen, biblischen Christentum hat es solch eine Trennung nicht gegeben. Eine der schönsten Körper-Geschichten im Neuen Testament ist die von einer Frau, die Jesus unerwartet mit einem teuren Salböl übergoss, und er ließ es sich gern gefallen.

Der nordafrikanische Kirchenvater Augustinus (354–430) hatte sich nach Jahren eines losen Lebenswandels für längere Zeit als Mönch zu Arbeit und Gebet aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seine asketische Lebensweise, später auch die der Mönchsorden und die Ehelosigkeit des Klerus könnten manche Christen beeinflusst haben, denen der eigene Körper eher im Wege steht.

Die evangelische Kirche hingegen kennt keine Zölibatspflicht für Geistliche und keine Keuschheitspflicht für Mönche – sofern man im Blick auf die evangelischen Kommunitäten überhaupt von Mönchsgemeinschaften sprechen will. Freiwilligkeit wird in der evangelischen Kirche großgeschrieben. Zugleich ist die in der Reformation wiederentdeckte Freiheit der Christen auch eine Rückkehr zu den biblischen Prinzipien der Lebensbejahung.

Warum ist das Christentum geradezu eine körperliche Religion? Das hängt schon mit seiner Entstehungsgeschichte zusammen. Im Zentrum des Glaubens steht ein Gott, der Mensch geworden ist, theologisch gesprochen: inkarniert wurde, „Fleisch wurde". Anders als im Islam, wo sich Gott nur über seine Propheten Gehör verschafft, begibt sich der Gott des Christentums in der Person Jesu in die Welt. Er ist fähig zu Freude und Leid, zu Lust und Schmerz, Liebe und Angst. Er lacht und weint. Er hat Hunger. Er ist verzweifelt. Er stirbt unter Qualen. Er lebt das ganze volle Leben mit seinen Licht- und Schattenseiten.

Dass das Christentum eine körperliche Religion ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass in ihm neben der Seel-Sorge auch die Körper-Sorge großgeschrieben wird: Arme erhalten Unterstützung, Kranke Pflege, Alte werden betreut, Tote begraben. Gerade wenn es um die Bedürftigkeit des Menschen geht, sprechen Theologen auch vom Leib des Menschen: Der Leib ist es, der oft alle Aufmerksamkeit und Für- sorge verdient. Er ist, wie die Theologin Theresia Heimerl schreibt, „das theologisch korrekte Gegenstück zum Hochglanz-Körper der Medienwelt: heil, ganz, Wohlfühlen und erfülltes Sexualleben versprechend".

Am ehesten kann man das Körpergefühl der Christen so beschreiben: Weder folgen sie plakativen Idealen, noch lassen sie sich durch etliche rigide Normen einschränken. Sie betrachten den Körper als ein Geschenk, mit dem sie bedacht umgehen.

Eduard Kopp


Kann man glauben lernen?

So viel und so wenig, wie man lernen kann, zu lieben und zu hoffen. Aber man kann dem Glauben eine Chance geben

 

Kann man lieben lernen? Zumindest kann und sollte jeder lernen, wie man eine Partnerschaft pflegt: indem man auf Vorwürfe verzichtet, für Fehler um Entschuldigung bittet und dem Partner verzeiht. Indem man Konflikte mit Worten löst, zuhört und offen über Sex und Geld redet. Und indem man die Persönlichkeit des anderen akzeptiert, wie sie ist.

So steht es in psychologischen Ratgebern. Dennoch: Selbst wer all diese Ratschläge befolgt, liebt noch lange nicht. Es ist Liebe, wenn man bei allem, was man für den Partner tut, einem Impuls der Zuneigung folgt. Und den lernt man nicht. Man kann sich bemühen, dass die Liebe eine Chance hat. Doch was man eigentlich „Liebe" nennt, fällt einem zu - oder nicht.

Kann man glauben lernen? Dazu muss man sich erst darüber verständigen, was Glaube überhaupt ist. Für die hebräisch- und griechischsprachigen Menschen des Alten und Neuen Testaments war das ein ganz anderes Thema als für uns. Das hebräische Wort für Glaube, ämunah, und das griechische Wort pistis können auch „Treue" oder „Wahrhaftigkeit" bedeuten.

Anders als moderne Menschen fragten sich die Menschen der Bibel nicht, ob es einen Gott gibt. Sie setzten Gottes Existenz voraus. Glaube hieß für sie, Gott treu zu sein und sich an seine Gebote zu halten: dass man Gedemütigte tröstet, zu Fremden gastfreundlich ist und Notleidenden hilft. Im Deutschen nennt man den Gottesfürchtigen daher fromm - was ursprünglich hieß, dass man ihn an seiner Rechtschaffenheit und Unbescholtenheit erkennt.

Ein in diesem Sinn gottesfürchtiger Mensch zu sein - das kann man lernen. Zum Beispiel, indem man Menschen Aufmerksamkeit schenkt, auch wenn sie die eigene Tagesplanung mit ihren Problemen durchkreuzen und Zeit beanspruchen, die man angenehmer verbringen könnte.

Wer sich mit netten Menschen umgibt, zu denen er immer freundlich ist, mag unbescholten sein. Aber deswegen glaubt er noch lange nicht. Vielleicht ist er ja nur aus purem Eigennutz so! „Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet?", fragt Satan den Allerhöchsten (Hiob 1,9-10): „Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: Was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen!" Nur solange es ihm gutgeht, werde Hiob gottesfürchtig sein, unterstellt der himmlische Ankläger.

Tatsächlich kann es desto schwieriger werden, Gott für sich zu entdecken und treu zu bleiben, je verzweifelter die eigene Lage ist. Das biblische Buch Hiob beschreibt die Not als Testfall, an dem sich zeigt, wie es um Hiobs Glauben wirklich bestellt ist. Glaube immunisiert nicht gegen das Elend. Er kann verhindern, dass einen die Not verbittert. Er kann sich als Hoffnung, Lebensmut und Widerstandsgeist zeigen, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. So ein Glaube lässt sich nicht lernen, er ist dann einfach da.

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer beschrieb seinen Glauben im Widerstand gegen die Nazis so: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum (Schicksal) ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet."

Man kann sich solche Worte einprägen. Man kann versuchen, der Zusage zu vertrauen, dass Gott auch aus dem Bösesten Gutes schaffen kann und will. Aber man kann nur hoffen, dass man dann aus allem das Beste macht. Und dass im Ernstfall in einem wirklich die nötige Widerstandskraft dafür heranwächst. Man kann nur beten, dass man den Glauben hat, wenn es auf ihn ankommt. Erzwingen kann man ihn so wenig wie die Liebe.

Burkhard Weitz


Darf man sich selbst töten?

Es gibt Lebenslagen, die Menschen als hoffnungslos erscheinen. Und es gibt Lagen, die es tatsächlich sind. Nicht nur die Betroffenen geraten in ein schreckliches Dilemma


 

Manche Texte wirken Jahrzehnte nach. Der Essay „Hand an sich legen - Diskurs über den Freitod" des österreichischen Schriftstellers Jean Améry aus dem Jahr 1976 ist ein solcher Text. Améry beschreibt darin die Möglichkeit zum Suizid als größte Freiheit des Menschen, als ein Privileg, das ihn vor allen anderen Geschöpfen auszeichnet. Er lehnt es deshalb glatt ab, dass Religion und Gesellschaft den Suizid mit einem Verbot belegen. 

Das sind Gedanken auf höchstem philosophischem Niveau, die prompt die Kritik von Theologen und Psychologen hervorriefen. Die Realität, so ihre Erfahrung, ist einfacher, oft brutaler. Sie sehen den Suizid als Schlusspunkt einer langen Kette von „Selbsteinengungen", das tragische Ende einer Entwicklung. Eben nicht oder nicht immer ein Akt souveräner Selbstbestimmung, sondern oft ein Zeichen persönlicher Unfreiheit. Psychologen sprechen von einem Präsuizidalen Syndrom, zu dem der Verlust an menschlichen Bindungen gehört, zudem wachsende Aggressionen gegen sich selbst, Panik, Verzweiflung. Selbstmordgefährdete sind einsam, nicht unbedingt äußerlich isoliert, aber auf jeden Fall innerlich. Und sie sind zunehmend außerstande, Alternativen zu diesem letzten Schritt zu denken. Auch Menschen, die einen vermeintlich rationalen „Bilanzselbstmord" begehen („Ich bin gescheitert"), sind emotional stark eingeengt, handeln gerade nicht nüchtern-sachlich.  

Ist „Selbstmord" verboten? Das deutsche Strafrecht trifft dazu keine Aussage. Polizeibeamte, die zu einem Einsatz gerufen werden, können sich allenfalls auf die Generalklausel ihres Polizeigesetzes berufen, nach dem sie für den Erhalt der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zuständig sind, und mancher Suizid bringt zweifellos die Ordnung durcheinander. Das Leben, das nach Artikel 2 des Grundgesetzes ein hohes Rechtsgut ist, lässt sich von Staats wegen schwer schützen, wenn es dem Betroffenen selbst als verloren gilt.

Juden und Christen plädieren eindeutig für den Erhalt des Lebens, verbunden mit einer umfangreichen Unterstützung für die Betroffenen und ihr soziales Umfeld. Ein Recht auf Selbsttötung lehnen sie strikt ab: Es widerspricht der grundsätzlichen Auffassung, dass das Leben ein Geschenk Gottes ist. Und außerdem: Ist ein solches Recht erst einmal eingeführt, würde es jede soziale Pflicht zum Schutz des Lebens unterlaufen. Im Endergebnis brächte es mehr Unmenschlichkeit hervor. Die theologische Ethik lehnt deshalb auch die direkte, aktive Sterbehilfe ab.

Das Tötungsverbot in den Zehn Geboten hilft nur mäßig weiter in der Frage, ob es erlaubt ist, sich selbst zu töten. Das fünfte Gebot bezieht sich ursprünglich auf hinterlistigen Mord, genauer gesagt: auf den Mord an einem Volksgenossen. Allerdings zeigt dieses Gebot, dass die jüdisch-christliche Ethik dem Schutz des Lebens einen hohen Stellenwert beimisst.

Lange Jahrhunderte versagten die Kirchen Menschen, die sich selbst getötet hatten, eine christliche Beerdigung. Einer, der mit dieser Tradition brach, war der Reformator Martin Luther. Er begrub eigenhändig einen Jungen, der sich das Leben genommen hatte, wie der Film „Luther" von Eric Till eindrücklich zeigt. Angesichts der Verzweiflung der Menschen, die in den Tod gingen, verzichten heute die Kirchen darauf, sie moralisch zu verurteilen. Jedoch kritisieren die Kirchen hart alle, die Selbsttötung erleichtern wollen, schon gar dann, wenn sie damit Geld verdienen. Die angemessene Reaktion von Christen auf eine drohende Selbsttötung: dem Betroffenen so viel Nähe zu schenken, wie er zuzulassen vermag, und nicht aufzuhören, ihn zu lieben. Auch den Angehörigen, die durch die Tat in ein schreckliches ethisches Di-lemma geraten, gilt es beizustehen. 

„Wie werde ich damit fertig, dass ich hilflos bin?" Mit diesem Problem, so schreibt Fernsehpastor Jürgen Fliege, sei der moderne religionslose Mensch überfordert. Er muss lernen, Zumutungen zu akzeptieren, Leiden nicht auszublenden: „Wir brauchen die Ermutigung aus Religion und Spiritualität, um diese Veränderung zu wagen, so dass wir am Ende dieses Lebens, mit siebzig, achtzig, neunzig Jahren, angesichts unseres nahenden Todes den Schöpfer loben und sagen können: ‚Es war ein abenteuerliches Leben. Es war meines. Ich bin glücklich. Ich bin dankbar.‘" 

Die Kirche kann und wird niemandem die Verantwortung für einen verzweifelten Schritt in den Tod abnehmen. Sie hat eine andere Rolle: Menschen zu trösten.

 

Eduard Kopp 



Was ist Schuld?

Strafrichter und Schiedsrichter haben täglich mit dieser Frage zu tun. Seelsorger auch. Aber ihre Antworten fallen recht unterschiedlich aus  

 

 

Irgendwann ist das Maß voll. In seinem Brief an dieses Magazin schreibt ein Münchener: „Früher haben die Kirchen einem ein schlechtes Gewissen gemacht, heute geschieht dasselbe im Namen des Klimaschutzes. Das penetrante Vorrechnen von CO2-Werten nervt nur noch. Wie man es dreht und wendet, schuldig wird man letztendlich immer." Dabei ist Herr R. eifrig um den Klimaschutz bemüht. Er bezieht Natur-Strom, hat kein Auto, isst kaum Fleisch. Jetzt kam er drauf: Auch wer Sport macht, stößt mehr CO2 aus. Auch eine Feuerbestattung belastet das Klima. „Irgendwann reicht es, Schuldgefühle eingetrichtert zu bekommen", klagt er. 

Was Schuld ist, davon verstehen die Kirchen einiges. Wie man Schuldgefühle, womöglich überzogene, weckt oder „eintrichtert", das ist aber nicht (mehr) ihr Thema. Das gehörte in die Zeiten barocker Bußpredigten oder der schwarzen Pädagogik. Das Ziel aller Seelsorge ist es vielmehr, Sünden zu überwinden, Schuld abzutragen. Dazu gehört allerdings auch, Sensibilität zu wecken in der Frage, wie und gegenüber wem man schuldig wird. 

Schuldig macht sich, wer einem anderen Menschen verweigert, was ihm zusteht - materiell oder immateriell. Schuldig im religiösen Sinne macht sich, wer seine Verpflichtungen Gott und den Menschen gegenüber nicht einlöst. Diese doppelte Dimension ist besonders wichtig, und sie macht den Unterschied zum Schuldverständnis des Strafrechts aus. 

Im staatlichen Strafrecht steht die Bewertung der Tat im Vordergrund. Wenn Strafrichter von Schuld sprechen, meinen sie damit: Ein Mensch ist mit der Verantwortung für eine rechtswidrige Tat belastet; ihm ist diese Tat vorwerfbar. Das prüfen die Gerichte, außerdem, ob der Täter mit Vorsatz oder fahrlässig gehandelt hat. Die individuelle Schuld im Einzelfall abzuwägen ist das Schwierigste überhaupt im Strafverfahren. Zwar gibt es die im Strafgesetzbuch vorgesehenen Strafrahmen, aber innerhalb dieser Rahmen muss die individuelle Schuld bemessen werden. Ist mit dem Verbüßen der Strafe dann alles erledigt? Nicht unbedingt. Eine Freiheitsstrafe, selbst wenn sie verbüßt ist, wirkt im Strafregister nach. Wird der Täter erneut verurteilt, kann die neue Strafe härter ausfallen. Die alte Schuld hängt ihm also nach, bis der Eintrag gelöscht ist. Etwas Vergleichbares gibt es im kirchlichen Schuldverständnis nicht.

Dass nach christlichem Verständnis eine solche Tat nicht nur das Verhältnis der Menschen untereinander, sondern auch zu Gott in Mitleidenschaft zieht, lässt sich biblisch begründen. Gott hat diese Welt in ihrer Schönheit und Makellosigkeit erschaffen (im Schöpfungsbericht steht: „Und er sah, dass sie gut war"), er hat sich zudem in vielen Situationen als barmherzig und „gerecht" (die biblische Vokabel für „gnädig") erwiesen. Wenn Menschen sündigen, stellen sie sich gegen diese gute Schöpfungs- und Liebesordnung. 

In der Bibel finden sich viele weitere Gründe dafür, warum Menschen sich durch ein Delikt auch gegenüber Gott schuldig machen: Es gibt in den biblischen Geschichten Verträge zwischen Gott und Mensch. Solche Verabredungen sind zum Beispiel die Bundesschlüsse nach der Sintflut und am Sinai, wo die Zehn Gebote Gültigkeit erhielten. Zwar verpflichteten sich die Menschen jedes Mal, die Anforderungen Gottes treu zu erfüllen, doch schlugen sie regelmäßig über die Stränge.  

Schuld lässt sich nicht einfach wegreden und wegwischen. Um alles in Ordnung zu bringen, müssen die Menschen ihre Tat als falsch erkennen und Gott um die Vergebung ihrer Schuld bitten. Das erleichtert es ihnen zugleich, ihr Verhältnis zu den Mitmenschen  zu heilen. Es geht ja meist nicht nur um einen Schadensausgleich im engeren Sinne, Sünden haben viele Folgen. Wer sündigt, streut Zwist, Hoffnungslosigkeit, Lieblosigkeit, schreibt der Berliner Bischof Wolfgang Huber in seinem Buch „Der christliche Glaube": „Er zerbricht die lebendige Beziehung zu Gott, zur Zukunft, zu den Menschen und zu sich selbst." Der Delinquent muss, was ihm oft nicht aus eigener Kraft gelingt, wieder in den Lebensstrom eintauchen. Ihm dabei zu helfen, ist ein zentrales Anliegen der Kirchen. 

Eduard Kopp 

 


Religion für Einsteiger - Das Buch zur Serie gibt's hier
RSS-Feed
  Für alle Rubriken
  Nur für diese Rubrik
Religion-für-Einsteiger-Artikel

Netzwerk
chrismon ist eine Marke des Hansischen Druck- und Verlagshauses und gehört zum Netzwerk des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik gGmbH. Weitere Portale:
chismon.de | chrismonshop.de | epd-film.de | 7-wochen-ohne.de | gep.de