Im Buch der Bücher hat alles seine feste Ordnung, seine Dramaturgie, seinen Sinn und Zweck. So scheint es. Doch es passieren auch Dinge, die zunächst nicht zusammenpassen
Es ist alles so wunderbar vorausgesagt. Da geschieht etwas Besonderes, und umgehend heißt es: Das stand doch schon seit Menschengedenken fest. Einem jungen Paar wird eröffnet, dass ein Kind unterwegs ist – und schon heißt es: Das hat bereits vor 700 Jahren der Prophet Jesaja angekündigt (Matthäus, Kapitel 1). Da reitet Jesus auf einem Esel nach Jerusalem hinein (wo ihn Verurteilung und Hinrichtung erwarten), und prompt klingt es: Schon vor 500 Jahren hat der Prophet Sacharja gewusst, dass der zukünftige König auf
einem Esel eintreffen wird (Kapitel 21). Das Neue Testament wartet mit Dutzenden solcher Beispiele auf: Alles schon bekannt.
Tatsächlich bekannt – oder sind zwei Ereignisse nur kunstvoll miteinander verknüpft? Was sich in der Bibel, vor allem im Neuen Testament, ereignet, wird rückblickend oft als Erfüllung alter Verheißungen dargestellt. Die Bibel ist literarisch eben kein Überraschungsroman, sondern sie folgt einigen großen Linien. In ihr kommt die Geschichte als Heilsgeschichte zur Sprache, als eine mehr oder weniger fortlaufende Ereigniskette mit einem erwartungsvollen Beginn und einem großen Ende. Die Beschreibung von Zufällen hätte ihre eigene literarische Absicht, ihre Dramaturgie durchkreuzt – warum sollte sie solche schildern? Wenn alles von Gott vorherbestimmt oder gelenkt wird – welchen Nutzen brächte da die Beschreibung unerwarteter Zwischenfälle?
Wenig Platz also für Details, die so gar nicht in die großen Handlungen passen wollen. Doch das bedeutet nicht, dass die Bibel überraschungsarm ist.
Zwei Beispiele sollen hier genügen: Als Jesus in seiner Geburtsstadt Nazareth wie üblich in die Synagoge ging, wurde ihm zum Vorlesen das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Er schlug es auf und fing zu lesen an: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen...“ Der „zufällige“ Textfund entpuppt sich jedoch sofort als kunstvoll arrangiert. Denn alsbald lässt der Evangelist Matthäus Jesus über sich selbst predigen: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“
Ist es nur ein Zufall, dass im Palast der jüdischen Religionsbehörde, die dem Untersuchungshäftling Jesus gerade den Prozess macht, eine Magd des Hohepriesters den Petrus enttarnt: „Du warst doch auch bei Jesus von Nazareth“, was der mit gestellter Entrüstung leugnet. Dummer Zufall oder literarische Spitze? Auch dieser Text hat seine klare Pointe: Feigheit kennt keine Grenzen, die Sache Jesu ist und bleibt durch die Schwäche der Menschen bedroht. Nein, ganz beliebige, zwecklose, „zufällige“ Geschehnisse am Rande gibt es nicht. Es ist wie in anderen literarischen Texten: Was zu lesen ist, hat seinen logischen Platz im Ganzen.
Und doch passiert im Neuen Testament auch so etwas: Ein zufällig daherkommender Mann, Simon von Cyrene, muss Jesus helfen, das Kreuz zu tragen. Ein einfacher Feldarbeiter, eben auf dem Weg nach Hause. Warum gerade er? Es bleibt ein Rätsel. So lebensnah ist die Bibel, dass sie die Bedeutung solcher kleiner Zufälle nicht in Abrede stellt. Dass schlicht alles festgelegt sei, ist nicht ihre Botschaft. Schon deshalb nicht, weil sie dadurch die Freiheit des Menschen, die Offenheit des Lebens einfach aus der Realität herausrechnen würde. Schaut man sich die einschlägigen Texte genauer an, zeigt sich, dass viele der beschriebenen Menschen mit offenen, irritierenden Situationen souverän umgehen. Aber am Ende bleibt die Grundbotschaft der Bibel klar erkennbar: Gott begleitet die Menschen durch alle Irrungen und Wirrungen, aber er bestimmt nicht jeden ihrer Schritte.
Kein Mensch ist Gott gleichgültig. Im christlichen Raum spricht man auch von der Vorsehung nicht im Sinne einer ein für alle Mal gültigen
Vorherbestimmung, sondern göttlicher Fürsorge für die Menschen. Juden und Christen, von denen man doch die Devise erwarten könnte: „Alles folgt einem höheren Plan“, haben mit Zufällen wenig Probleme. Die Pluralität des Lebens, die Chancen der Freiheit gehören zum jüdisch-christlichen Glauben und Weltbild einfach dazu. Eine allbestimmende Schicksalsmacht will Gott gar nicht sein. Und letztlich hat selbst seine Zuwendung zu den Menschen etwas „Zufälliges“, insofern nämlich Ursache und Maß der Gnade nie berechenbar sind. Nach welchen Regeln ihnen die versprochene Liebe zuteil wird: ein großes Geheimnis.
Eduard Kopp